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Yukon Highway 11.
Juni 2015. Unterwegs im Land der Mitternachtssonne. Wir haben bei Stewart Crossing angehalten und werfen den ersten Blick auf den Silver Trail. Eine fast vergessene Straße im Yukon. Zum Teil auf?Schotter. Eine gut 100 Kilometer lange Sackgasse. Zweifel steigen in mir auf: Lohnt sich dieser Abstecher wirklich? Werden wir ihn morgen bereuen?

Text und Fotos: Rainer Schoof

Der Silver Trail verbindet die Siedlungen Mayo, Elsa und City mit dem Klondike Highway. Der Begriff "Siedlung" passt, denn es sind wirklich nur kleine Ansiedlungen. Keno "City" ist da durchaus irreführend. Ein paar Häuschen also und eine auf gut 100 Kilometer gestreckte Verbindungsstraße. Da fällt es nicht schwer, sich auszumalen, wie ruhig und einsam es hier ist. Niemand kommt uns entgegen. Und wieder leichte Zweifel: Ob dieser Side-Trip wirklich lohnt? Morgen Abend müssen wir ja schon in Whitehorse sein. Werden wir das Ganze dann bereuen?

Nein. Quatsch. Zweifel beiseite. Der Silver Trail fehlt mir noch. Ich will ihn fahren! Und der erste, asphaltierte Teil dieser Strecke ist keinesfalls langweilig. Am mächtigen Stewart River geht es entlang, teilweise mit tollen Ausblicken im warmen Licht der Abendsonne. Wir fliegen so dahin. Bis Mayo. An der T-Kreuzung geht es rechts in den Ort und links weiter nach Keno. Wir sind spät genug, denken wir, und biegen direkt links ab. Und verlassen den Asphalt. Es wird wilder. Noch wilder als vorher schon. Stark. Genau mein Ding. Unterwegs noch der Five Mile Lake Campground. Gefällt mir gut - am liebsten würde ich direkt hier bleiben. Aber wir haben noch etwa 50 Kilometer vor uns. Schnell machen wir ein kurzes Durchfahrt-Video und dann weiter auf dem Silver Trail.

Es geht ein Stück bergauf. Das erste Fahrzeug kommt uns entgegen. Ein Truck. Sieht nach einem Handwerker aus. Und dann, fast plötzlich, erfasst uns die Landschaft. Aber wie! Ich muss anhalten. Mitten auf der Schotterstraße. Egal, es kommt ja keiner. Der Blick ist freigegeben über ein weites, nahezu unberührtes Wildnistal mit thronenden Bergen im Hintergrund. Aaaahhhh, man kann sich kaum sattsehen. Und das in diesem tollen Licht. Grandios. Das ist Kanada für mich! Es ist spät. Eigentlich. Neun Uhr abends vielleicht? Und die Sonne steht hoch am Himmel. Noch ein ganzes Stück. Und dann hört die Straße einfach auf. Weiter geht es an diesem Panorama entlang. Immer wieder rechts und links Relikte der Minengeschichte der Gegend. Auch hierhin hatte es die ersten Siedler des Goldes wegen verschlagen. Bei Keno wurden sie sogar fündig. Aber das Edelmetall, dass diese Gegend prägen sollte, war das Silber. Das brachte die Menschen nach Keno, das nun auch wir endlich erreichen. Es ist jetzt kurz vor 10. Na, ein Abendessen werden wir wohl nicht mehr bekommen. Hauptsache wir treffen überhaupt noch jemanden an unserer Unterkunft an.

Und dann hört die Straße einfach auf. Man steht vor dem charismatischen Keno Museum. Genau wie das ganze kleine Dörfchen wird auch das Museum von den wenigen Bewohnern dieses Nestes liebevoll in Schwung gehalten, wie wir später erfahren. Jetzt und hier kann man erst einmal nur nach rechts oder nach links abbiegen und jeweils ein kleines Stückchen innerhalb des Ortes weiterfahren. Aber nur innerhalb des Ortes. Ansonsten geht es tatsächlich nicht weiter.

"The End of the Road". Das Ende der Straße. Wir wenden den Blick nach links und sehen unsere Unterkunft - das Silvermoon Bunkhouse. Von wegen keiner da. Da sind doch noch Kreissäge und andere Geräte in der Abendsonne aufgebaut. Tatsächlich, Dirk Rentmeister arbeitet noch - es gibt noch einiges zu tun an der neuen Cabin neben dem Silvermoon Bunkhouse. Doch jetzt hat er sich umgedreht und winkt uns zu. Klar, er muss ja davon ausgehen, dass wir seine Gäste sind. Wer soll auch sonst hier vorbeikommen?

Mit seiner Frau Tracy hat Dirk das Bunkhouse gebaut. Beide bewirtschaften es. Wohl eher sie - er baut weiter. "Bunkhouse" - also der Name führt echt ein Stück weit in die Irre. So auch uns. Bunkouse hieß für mich immer rustikal, einfach, Stockbetten. Tja, was für eine wundervolle Überraschung. Alles ist neu, alles ist geschmackvoll, alles ist gut durchdacht. Sechs echt schöne Zimmer bietet die Unterkunft. Das Einzige, was mit einem "Bunkhouse" nach meinem Verständnis entfernt zu tun hat: Die Zimmer haben kein eigenes WC und keine Dusche. Dafür gibt es aber in der Mitte die große zentrale Cabin, die über einen vorbildlich ausgestatteten Aufenthaltsraum verfügt. Mit großer Küche und allen erforderlichen Geräten. Und mehreren WCs und Duschen - alles tip-top - im hinteren Teil des Holzhauses. Tracy ist inzwischen von Dirk gerufen worden und zeigt uns alles. "Wir filmen schnell mit", habe ich glücklicherweise noch kurz vorher eine Eingebung und zücke das iPhone.

Wir haben uns verquatscht mit den gastfreundlichen Kanadiern und im Anschluss ziemlich viel Zeit oben auf dem Keno Hill verbracht. Grandios, aber wir haben Hunger und es ist inzwischen 11 Uhr abends. Egal, wir versuchen unser Glück und nehmen Keno City in Augenschein. Also die Handvoll Holzhäuser, die den Kern ausmachen. Echtes Western-Feeling hier. Man schlendert über die staubige Straße und fühlt sich wie John Wayne. Alles wirkt wie aus einem Western entlehnt. Das Keno Museum, die kleine Holzkirche, das Keno Hotel.

Und dann sehen wir doch tatsächlich eine kleine Bar - oder sollte man Saloon sagen? Drinnen urig, gemütlich. Hier kann ich direkt bleiben. Schnell mal ein Bier bestellt und ein bisschen mit dem Besitzer gequatscht - auch er absolut authentisch! Ob wir noch was zu essen bekommen können, fragen wir. Es ist jetzt Mitternacht. "Klar!", die Antwort. "Fish und Chips kann ich Euch noch machen." Wir könnten es aber auch in der anderen Bar über die Straße versuchen. Was? Hier gibt es noch eine Bar, die jetzt noch auf hat? Obwohl hier im ganzen Ort praktisch kein Mensch ist? Tatsächlich, außer uns sitzt nur noch ein einziger Gast an der Bar. "Ja, klar haben die noch auf!" Wir sollten doch einfach mal schauen gehen.

Gesagt, getan. Rüber zum Keno Hotel. Da ist die andere Bar. Und wir sind wieder überrascht. Durchaus groß und echt gemütlich! Schöne Tische, eine lange Bar - sogar eine kleine Bühne, auf der Instrumente aufgebaut sind. Ja, das kann man sich vorstellen, dass es hier drin auch richtig gute Stimmung geben kann. An der Bar sitzen ein paar Gäste - offensichtlich Hotelgäste. Ansonsten ist der Laden leer. Aber die Stimmung ist gut. Und klar kriegen wir noch was zu essen um Mitternacht. Ob Grilled Cheese Sandwich ok wäre. Wir lachen. Ja, sicher! Und ein schönes gezapftes Yukon Gold. Ich mag Keno!


Keno ist funky! Mal ehrlich: Wie jeder andere auch, haben wir anfangs gefragt, ob sich der lange Sackgassenabstecher auf den Silver Trail lohnt. Inzwischen fällt mir die Antwort leicht: JA! Es lohnt sich! Die Kombination aus den Anfahrtspanoramen, diesem klitzekleinen, witzig-lässigen Ortes, einer schönen Unterkunft und, natürlich, die atemberaubende Mitternachtssonnen-Szenerie zwischen den wilden Gebirgszügen auf dem Keno Hill - genau das macht diesen Abstecher lohnenswert! Doch ein letzter Tipp zum Silver Trail: Von Keno aus nicht "hintenrum" den Loop zurück fahren, der erst später wieder auf die Straße nach Mayo stößt, sondern den direkten Weg zurück. Wir entscheiden uns leider anders. Die Straße ist teilweise richtig schlecht - wir sind froh über den Allradantrieb unseres Wagens. Und man sieht praktisch nichts, da rechts und links eigentlich permanent Bäume stehen. Also überhaupt kein Vergleich zu der wunderschönen Panoramastrecke, die Keno City direkt mit Mayo verbindet und die wir nun leider verpasst haben. Naja, sei's drum.

Tja, und dann bringt uns der Silver Trail wieder zurück auf den Klondike Highway. Silver Trail - CHECK!

Yukon Silver Trail: Five Mile Lake Campground

Silvermoon Bunkhouse in Keno City Yukon: Führung für Rainer & Andy

Yukon: Rainer Schoof zur Mitternachtssone auf dem Keno Hill

Keno City Yukon: Mitternachtssonne am Silvermoon Bunkhouse