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Die besondere Reise

SOMMERBÄREN

Juli 2014 im SK-Blockhaus in Senden. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete, als mich Rainer in sein Büro rief.
"Kannst Du für mich einspringen und in zwei Wochen nach Kanada fliegen? Es geht zu den Polarbären und Belugas an die Hudson Bay." Sprachlos stand ich da. Und nickte.
Text & Fotos: Thomas Reichert


Bären am Airport.
Nee, ist klar...

Die Genehmigung meiner Chefin zu Hause war zum Glück reine Formsache. Und zwei Wochen später stehe ich am Airport in Winnipeg, Manitoba. Recht unausgeschlafen, denn um 6:50 Uhr geht mein Flieger mit Calm Air nach Churchill, wo angeblich die Sommerbären und Belugas auf mich warten. Auf nach Norden zur Hudson Bay! Auf dem Flug sehe ich endlose Seen- und Waldgebiete unter uns, bis der Wald allmählich verschwindet und einer unwirklich anmutenden Tundra-Landschaft weicht. In Churchill erwartet uns bereits ein alter Schulbus - der Shuttle der Lazy Bear Lodge. Freundlich begrüßt uns Colin, der Fahrer, mit einem Gewehr in der Hand. Ein Gewehr? Am Flughafen? Amerikanische Gesetzeshüter bekämen allein bei der Vorstellung Schnappatmung. "Nur zu unserer Sicherheit", sagt Colin, der wohl meine verwunderten Blicke bemerkt hat. "Gestern waren einige Bären in der Nähe des Airports." Ich muss schmunzeln. Bären am Airport - nee, ist klar... Ob dem guten Colin wohl die Mitternachtssonne zu lange auf den Kopf geschienen hat?
Nach dem Check-in in die urige und überaus gemütliche Lazy Bear Lodge erkunden wir den Ort. So viel ist da ja nicht. Das Eskimo Museum gefällt mir. Es ist wirklich informativ, aber natürlich durchaus überschaubar. Julia, unsere Reisebegleitung von Travel Manitoba, erklärt uns den Ablauf der nächsten Tage und gibt uns viele interessante Informationen mit auf den Weg. Meine Erwar­tun­gen sind hoch und wachsen stündlich weiter. Und fast un­­wei­gerlich drehe ich mich nun öfter um. Es sollen ja immer Bären in der Nähe sein.

Doch weit und breit kein Bär. Mit dem Motorboot fahren wir abends noch über den Churchill River zum vorgelagerten Eskimo Point und besuchen das Prince of Wales Fort. Empfehlenswert - echt informativ. Aber immer noch kein Bär. Ob es wohl meine Kommentare sind, die Julia veranlassen, uns am Ende des Tages mindestens einen Polarbären für den Folgetag zu versprechen?

Am nächsten Morgen geht's in den Knast. Der Bus bringt uns hinaus zum berühmten Polarbärengefängnis von Churchill. Auch hier hat unser Guide immer sein Gewehr griffbereit. Sehr beeindruckend - allein der Gedanke, ein "Gefängnis" zu benötigen für Polarbären, die dem Ort zu nahe gekommen sind. Gefängnis passt natürlich nicht - eher Wartebereich. Es wird gezählt, registriert und der Gesundheitszustand dokumentiert - und dann gibt es für die weißen Riesen wieder den Shuttle zurück in die Wildnis. In der Regel. Es gibt leider auch Ausnahmen, wenn die Bären schon zu oft hier waren. Mich faszinieren die Lebendfallen, die man hier bewundern kann. Ein Rohr mit Falltür, deren Schließmechanismus der Bär beim Ergreifen des Köders am anderen Ende betätigt. Im Prinzip wie eine Lebendfalle für Mäuse - nur in XXL.
Die Tundra ist gewaltig. Wir bewundern Sie von einem Aussichtspunkt vor dem Ort. Plötzlich fallen mir hunderte Schaumkronen auf dem Wasser auf. Komisch, es ist doch windstill - woher kommen die Wellen? Ich frage unseren Guide und sorge unfreiwillig für einen Lacher. Die Wellenkämme sind gar keine, sondern Belugas! "So viele?", frage ich ungläubig und lasse den Blick abermals über die Wasseroberfläche schweifen. Unglaublich!

Die kommenden Tage stehen ganz im Zeichen der weißen Wale. Mein Highlight: in Neopren-Anzügen mit den Walen schnorcheln! Die Methode ist ganz einfach: Wir lassen uns gut 90 Minuten an einem Seil durch das drei Grad kalte Wasser ziehen. Immer wieder begleiten uns große Schulen dieser faszinierenden und kommunikativen Tiere. Nichts als Begeisterungs- und Verzückungsbekundungen um mich herum. Ich kann mein Glück nicht fassen. Unser Guide gibt zu, dass die Begegnung mit den weißen Walen auch nach vielen Jahren im Job bei ihm immer noch eine Gänsehaut hervorruft. Ich weiß sofort, was er meint. Und ja, ein wenig beneide ich ihn schon um diesen einmaligen Job am Polarkreis. Ach so, nur fürs Protokoll: Habe immer noch keinen Bären gesehen!

An den folgenden Tagen sind die Wale unsere ständigen Begleiter, ob wir zu Fuß, mit dem Kayak oder dem Motorboot unterwegs sind. So auch am Abend des dritten Tages, als wir im traumhaften Abendlicht noch einmal mit dem Motorboot um den Eskimo Point herumschippern. Wir genießen das Licht und die Belugas. Plötzlich tauchen zwei schneeweiße Fellköpfe vor uns auf den Felsen auf. Polarbären! Gleich zwei! Scheinbar gerade fertig mit ihrem Abkühlungsbad in der Hudson Bay. Pudelnass stehen die Bären vor uns, im warmen Rot der sinkenden Polarsonne. Julia muss mich anstoßen. "Don't forget to take pictures, Thomas", lacht sie.

Und das Abenteuer am Polarkreis ist noch nicht vorbei. Mit dem Buschflugzeug geht es zur Seal River Lodge am gleichnamigen Fluss. Aus dem Flieger sehe ich wieder meine "Schaumkronen". Hunderte, nein tausende Wale in der Hudson Bay. Das kann man nicht beschreiben. Das muss man mit eigenen Augen sehen!

Also ich glaube, die Landepiste der Seal River Lodge hätte keine fünf Meter kürzer sein dürfen. Julia lacht über mein bleiches Gesicht. Doch einmal mehr überraschen mich Sicherheit und Souveränität der kanadischen Busch­piloten. "Man muss schließlich das Schild lesen können", so der trockene Piloten-Kommentar. Er meint das Schild am Ende der Landebahn: "Welcome to Seal River Lodge." Mike Reimer, der Betreiber der Lodge wartet bereits mit einem ATV und Anhänger auf uns. In der Lodge begrüßt uns dann auch seine Frau Jeanne sehr herzlich. Ein imposantes Gebäude im Niemandsland, diese Seal River Lodge. Völlig autark, ohne dass man auf gewohnte Annehmlichkeiten verzichten muss. Mir gefällt der Speiseraum, in dem uns Salat mit Beeren aus der Tundra und frisch gefangener Arctic Char (Seesaibling) erwartet. Mein kulinarischer Höhepunkt auf diesem Trip.

Nach dem Essen fahren wir mit dem ATV am Ufer der Hudson Bay entlang, als sich plötzlich - nur etwa 150 Meter vor uns - ein mächtiger Polarbär aus dem kniehohen Gras erhebt. Mike ist ein sehr erfahrener Guide. Schon beim Essen hat er mir erzählt, dass er gerade in solchen Situationen bislang noch nie auch nur einen Warnschuß hätte abgeben müssen. Ich geb's zu: Das beruhigte mich enorm. Langsam nähern wir uns dem Bären. Schritt für Schritt. Immer wieder müssen wir stehenbleiben. Es ist warm und der Bär scheint träge. "Stören wir ihn?", flüstert Julia Mike zu. "Nicht, wenn wir uns Zeit lassen und uns ganz langsam nähern. Er muss uns immer sehen und riechen können." Und tatsächlich, der Bär beachtet uns kaum. Majestätisch sitzt er schließlich nur knapp 50 Meter vor uns. Auf Augenhöhe. Vor der Kulisse der blühenden Weidenröschen. In diesem Moment sind wir einfach nur still. Sprachlos. Sogar Julia, die sonst immer etwas zu erzählen oder erklären hat.

Nicht unser letzter Bär an der Hudson Bay. Im Gegenteil. Es sind ja nur noch zwei Tage, aber jetzt scheint es, als wollten sich uns die Polarbären nochmal mit aller Macht zeigen. In der Tundra, am Strand und häufig sogar schwimmend. Mein "Protokoll" vom ersten Tag werfe ich gedanklich weg. Ich bin mehr als zufrieden! 

Am Tag der Abreise drehe ich mich am Rollfeld noch einmal um zu Colin, unserem hervorragenden Driver-Guide: "Don't forget your gun! There are bears around here." Colin lacht und winkt mir zum Abschied. Toller Ort, tolle Leute. Und die Natur - ach, warum soll ich überhaupt versuchen es zu beschreiben? Churchill, ich komme wieder. Ich hab's meinen weißen Freunden versprochen.

Hudson Bay bei Churchill: Thomas filmt Belugas (2015)

Hudson Bay bei Churchill: Der schwimmende Eisbär

The Churchill Wild Seal River Lodge Experience