Unsere Website verwendet Cookies. Mehr dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

      Cookies löschen
ALBERTA ROADTRIP
Alberta off the beaten track!

Text: Rainer Schoof

Es geht mal wieder in den Westen Kanadas. Ein Scouting-Trip durch Alberta - und zwar jenseits der Rocky Mountains! Mal etwas anderes. Vergessene Routen, einsame Landschaften und ganz, ganz viel Natur. Gibt es das eigentlich noch? Ja! Man wundert sich, was für herrlich unbekannte Ecken es noch zu entdecken gibt - teilweise nur einen gefühlten Steinwurf von den belagerten Touristenstrecken entfernt! Den Yellowhead Highway wollen wir fahren, bis wir die Rocky Mountains sehen. In die Nationalparks Banff und Jasper selbst werden wir auf diesem Trip jedoch keinen Fuß setzen. Nein, ganz im Gegenteil, wir wollen Alternativen finden. Alternativen zum inzwischen in den Sommermonaten hochfrequentierten Icefields Parkway. Alternativen in Punkto Routenführung und Unterkunft. Sowohl für die Camper als auch für die PKW-Reisenden unter unseren Kunden. Deshalb nehmen wir den Yellowhead "nur" bis Hinton unter die Räder. Dann biegen wir nach Süden ab auf die weitestgehend unbekannte Forestry Trunk Road, schleichen uns über die ebenso eher unbekannte Route 11 wieder ein Stück nach Osten, nach Rocky Mountain House, um von hier dem "Cowboy Trail" nach Süden zu folgen und noch einen Abstecher in die sogenannten "Badlands" zu machen. Alberta off the beaten path!

Wir starten also im Nordosten der Provinz. Wir, das sind einmal mehr mein Videograf Tom Reissmann und ich selbst. Der Yellowhead Highway führt uns zu unserem ersten Etappenziel, zum Elk Island Nationalpark. Apropos Yellowhead Highway - eine fast 2700 Kilometer lange Straße von Winnipeg, Manitoba, bis Prince Rupert an der nördlichen Pazifikküste von British Columbia. Touristisch bedeutsam ist ja vor allem der knapp 1100 Kilometer lange Schlussteil der Route von Jasper bis Prince Rupert. Aber was ist mit dem großen Alberta-Stück Highway davor, östlich von Jasper? Genau das wollen wir herausfinden! Und unbedingt und mit ausreichend Zeit will ich mir den Park anschauen, denn ich kenne ihn noch nicht. Aber das mit der Zeit ist ja kein Problem, wenn man keinen Verkehr einplanen muss. Ja, es ist immer wieder etwas Besonderes. Etwas, das einen Trip auf dem Yellowhead Highway ausmacht.

Der Elk Island Nationalpark. Mann, was sind wir überrascht, wie leer der Park ist! Es ist Ende August, also eigentlich Prime Time und wir sind das einzige Auto am Parkeingang. Und so geht es im Park weiter. Ab und zu kommt uns ein anderes Auto entgegen. An den Points of Interest stehen auch schon mal ein bis zwei Autos. Aber das war's. Am Bison Loop kann man über eine Schotterpiste ins Bisongebiet einfahren. Sehr schön angelegt mit einer kleinen Plattform mit knallroten Deckchairs an der zentralen Wiese. Und auf dem ganzen Loop ist kein Mensch, kein anderes Auto. Man bedenke, wir sind gerade einmal 50 Kilometer von Edmonton entfernt! Leider scheinen sich die Bisons auch freigenommen zu haben. OK, das stimmt nicht ganz, denn wir sehen sie ja eigentlich schon. Aber sie sind zu weit weg - ein Foto mit meiner Ausrüstung lohnt nicht. Aber mir gefällt das Parkgelände hier am Bison-Loop. Und die Landschaft auf der Weiterfahrt zum Astotin Lake ebenso. Ein wunderschöner Park mitten in der Prärie - wie eine Art grüne Oase!

Der Astotin Lake ist der zentrale See im Elk Island Nationalpark, um den herum sich alles abspielt. Hier gibt es ein großes Infocenter, eine weitläufige Wiese am See und auch den Astotin Lake Campground. Am Ufer des Sees bestaunen wir das Panorama und wundern uns erneut darüber, wie wenig hier los ist. Quasi gar nichts! Und so langsam wächst in mir eine Idee: Kann Westkanada tatsächlich noch so leer sein wie vor 10-15 Jahren, wenn man nur den "Beaten Path" verlässt? Was wäre das für eine elegante Lösung! Denn eines kann ich aus meiner langjährigen Erfahrung heraus ohnehin versprechen: Kanada ist nahezu überall wunderschön, nicht nur da, wo Nationalparks berühmt geworden sind oder eine Straße "Icefields Parkway" heißt. Jetzt aber noch mal schnell zum Astotin Lake Campground mitten im Elk Island Nationalpark. Wie gesagt, ich komme kaum darüber hinweg, wie leer dieser Campground ist - Ende August 2018. Kein Wohnmobil weit und breit. Das heißt, der Park scheint von europäischen Wohnmobilurlaubern sehr wenig bis gar nicht frequentiert zu sein. Das macht ihn doch für uns "Nebenstreckenschleicher" ungleich attraktiver! Und OTentiks gibt es hier auch - diese praktischen Zelthäuschen von Parks Canada für Teilzeit- und Gelegenheitscamper, die ohne eigenes Zelt unterwegs sind, aber halt auch einmal in einem Nationalpark campen wollen. Ja, es gibt einen Holzboden und ja, es gibt ein zuammengezimmertes Bettgestell mit Matratze - mehr aber auch nicht. Ist also immer noch Campen - definitiv unluxuriöser als im Wohnmobil. Der Campground selbst ist schön angelegt, auch wenn er nicht direkt am See liegt. Man sieht diesen zwar und kann natürlich hinlaufen, es gibt aber keine Uferstellplätze. Trotzdem ein echt schöner Platz zum Verweilen - gerade auch als Basis für eine der vielen ausgewiesenen Wanderungen im Park, für die mir auf diesem Trip leider die Zeit fehlt.

Es geht weiter über den Yellowhead Highway über Edmonton bis nach Hinton am Fuße der Rockies. Unterwegs zwei Campground-Entdeckungen am Yellowhead Highway - und zwar sogar richtige Provincial Parks (mit ausgewiesenen Wanderpfaden und vielem mehr). Der etwa 220 Kilometer östlich des Jasper Nationalparks gelegene Wabamun Lake Provincial Park beherbergt einen richtig großen Campground - ich habe so ein bisschen das Gefühl, dass mit der Anlage dieses Platzes mit seinen 275 Stellplätzen (109 davon mit Stromanschluss) ein Stück weit noch der relativen Nähe zu Edmonton (knapp 70 Kilometer) Rechnung getragen wurde. Aber andererseits, jetzt im August ist hier nichts los, gar nichts. Gut 40 Kilometer weiter in Westrichtung kann man vom Yellowhead Highway zum Pembina River Provincial Park abzweigen. Es geht noch ein paar Kilometer u.a. durch das kleine Örtchen Evansburg und dann fährt man auf das große Park-Areal. Mit 132 Stellplätzen (alle mit Stromanschluss) ist er deutlich kleiner als der Park am Wabamun Lake, aber immer noch ein echt großer Campground. Wir sind hier nun nur noch etwa 180 Kilometer vom Jasper Nationalpark entfernt und in diesem Flusstal hat man so richtig das Gefühl, mitten in der Natur zu sein. Was mir gut gefällt: Der Park ist großzügig im vergleichsweise eher lichten Laubmischwald (viele Birken und Espen) angelegt und der Fluss scheint fischreich zu sein. Es gibt sogar eine Fish Cleaning Station! Bis Anfang September kann man hier Stellplätze reservieren, aber volle zwei Loops sind den "Spontancampern" vorbehalten. Gefühlt eine Handvoll Camper treffen wir hier an, als wir den Campground komplett abfahren. Es ist unglaublich und es tut mir leid, wenn ich mich wiederhole. Aber es ist, wie es ist: Dieser schöne Campground ist in der zweiten Augusthälfte komplett leer!

Ankunft in Hinton. Von hier kann man die Berge gut sehen, die man auch von Jasper aus bewundert. Ich bin überrascht über die Infrastruktur in diesem kleinen Örtchen: Jede Menge gute Hotels, einige vielversprechende Restaurants - und wieder absolut nichts los. So, wie ich es liebe. Ja, warum eigentlich nicht hier absteigen und Ausflüge in die Nationalparks unternehmen? Eine Überlegung für Insider! Aber das ist auf diesem Scouting-Trip nicht unser Ziel, denn wir wollen auf die Forestry Trunk Road in Südrichtung, um viel Neuland für Camper zu entdecken. Endlich also Forestry Trunk Road! Und zwar das Stück der Route 40, das ich noch nicht kenne: Von Hinton bis zur Einmündung auf die Route 11, die den Icefields Parkway in den Rockies mit der Ortschaft Rocky Mountain House verbindet. Lange schon wollte ich dieses Teilstück der Route 40 fahren und mich auf die Suche nach neuen Camp-Alternativen für mich selbst und unsere etwas abenteuerlustigeren Wohnmobilkunden machen. Jetzt ist es endlich soweit!

Zunächst ist die Route 40 noch ein gutes Stück asphaltiert. Aber schon jetzt sind wir völlig allein. Irgendwo das Auto einfach mitten auf der Straße stehen lassen und ein paar Worte in die Kamera sagen - kein Problem. Es kommt ja keiner. Und spätestens, wenn man den ersten Schotter unter die Räder nimmt, fühlt man sich wie mitten in der Wildnis! Zu unserer Rechten immer die Silhouette der majestätischen Rocky Mountains. Ja, der Hauptkamm der Rockies liegt direkt neben uns. Einmal über die vor uns liegenden Gipfel rübergesprungen und wir würden schon fast hinunter auf den Icefields Parkway purzeln. Dort, wo man sich inzwischen im Sommer genau überlegen muss, wann man am Campground ankommt - und diesen eigentlich am besten auch schon vorher reserviert hat.

Tja, und hier ist kein Mensch. Und das, obwohl es so schön ist. Obwohl wir hier auch auf die Rocky Mountains blicken. Und wenn dann eine Herde Wapitis die Straße quert, dann ist das für mich ein echtes Erlebnis! Etwas völlig anderes, als wenn ich die Hirsche auf dem Whistlers-Campground in Jasper sehe. Immer tiefer dringen wir in die Einsamkeit der Rocky Mountain Foothills ein. Die Straße ist nun eher eine Dirt Road als eine Gravel Road. Wahrscheinlich aber auch aufgrund des nicht ganz so guten Wetters. Wie gesagt, man muss schon etwas abenteuerlustiger sein - sonst ist man verkehrt auf dieser Straße! Sie ist aber auch jetzt immer noch sehr gut zu befahren. Ich erwische meine Tachonadel sogar einmal fast auf der 100 - ok, das ist zu schnell, auch für einen SUV mit Allrad. Da muss ich eingreifen. Rechts und links fallen mir an Bächen, Flüssen und Seen unzählige Möglichkeiten zum Wildcampen auf. Häufig sind sogar schon Feuerstellen aus Steinen zusammengetragen. Und ja, selbst wenn man nur ein paar Meter von der Straße entfernt campen würde - macht doch nichts. Hier kommt doch eh keiner vorbei! Es ist wieder einer dieser Momente, in denen ich hier und jetzt und ohne zu zögern meinen SUV gegen ein Wohnmobil eintauschen würde. Um einfach irgendwo hier stehenzubleiben, am Fluss ein bisschen zu angeln, das Feuer anzuzünden und einfach nur die Einsamkeit zu genießen. Tja, nicht heute. Aber bald, das verspreche ich mir selbst!

Aber es gibt hier auch richtig schöne Campgrounds, die sogenannten Provincial Recreation Areas. Etwas wildere Campgrounds, wenn man so will. Aber man hat seinen eigenen, klar definierten Stellplatz, seinen Picknick-Tisch, eine Feuerstelle und es gibt Feuerholz, Toiletten und bärensichere Mülltonnen. Also, alles da, was man so braucht! Insgesamt sechs dieser Provincial Recreation Areas nehmen wir unter die Lupe. Alles in allem reden wir ja "bloß" über etwa 175 Streckenkilometer zwischen Hinton und der kleinen Ortschaft Nordegg an der Route 11. Aber ich bin mir sicher, dass man sich hier problemlos eine ganze Woche aufhalten kann - oder noch länger. Immer mal wieder ein paar Kilometer weiterfahren und wieder verweilen. Zum Angeln, Wandern oder Relaxen in der Einsamkeit. Allein die "offiziellen" Provincial Recreation Areas bieten ja schon jede Menge Abwechslung! Die am Lovett River hat Stellplätze auf einer Art Canyon-Anhöhe. Die am Brown Creek liegt mitten neben einem kleinen Bergbach. Die am Pembina River hat einen ernstzunehmenden Fluss in direkter Nachbarschaft und die am Fairfax Lake liegt am Uferhang eines großen Sees. Besonders gefällt mir die kleine PRA am Brazeau River. Vor allem, weil der Fluss mächtig viel Silt transportiert und daher so herrlich türkis-blau schillert. Genau wie der Athabasca River am Icefields Parkway. Nur, dass man diesen Fluss ganz für sich allein hat! Unter der Straßenbrücke kann man durchfahren (Vorsicht Wohnmobilhöhe!) und gelangt noch zu vielen weiteren wilden Stellplätzen am Fluss - dann ohne Picknick-Tisch. Ein Traum! Aber wir müssen ja weiter. Wir haben ja leider kein Camping-Equipment dabei.

Was mich wirklich überrascht, ist die vorhandene Infrastruktur. Nicht nur, dass die mehrheitlichen Schotteranteile der Straße in einem durchweg guten Zustand waren. Nein, die Menge der Campgrounds hat mich überrascht. Sechs offizielle Provincial Recreation Areas direkt an der Route 40 haben wir uns angesehen. Und jede einzelne PRA war komplett leer. Genau wie die Straße selbst, die ja auch noch viele weitere "inoffizielle" Campmöglichkeiten bietet. Plätze, die so schön sind, dass man mit seinem Wohnmobil einfach stehenbleibt. Zählt man nun noch die PRAs hinzu, zu denen man von der Route 40 abzweigen und noch einmal einige Kilometer extra fahren muss (alles ausgeschildert), bekommt man eine Ahnung des Kapazitätspotenzials dieses gesamten touristisch eigentlich noch völlig unbekannten Areals östlich des Rocky-Mountain-Hauptkamms. Ich selbst kann es kaum erwarten, mit einem Wohnmobil und mehr Zeit wieder herzukommen.

Am Abend erreichen wir die Einmündung auf die Route 11 und machen uns auf die letzten schnellen 90 Asphaltkilometer nach Rocky Mountain House. Witzig eigentlich - das ist ja noch einmal die Hälfte unserer auf der Forestry Trunk Road zurückgelegten Strecke. Und trotzdem geht es so viel schneller. Asphalt und überhaupt kein Verkehr. Die untergehende Sonne in unserem Rücken taucht die einsame Landschaft in ein so herrlich warmes, wunderschönes Licht. Ist eigentlich auch eine Traumstraße, diese Route 11. Auch wenn sie nicht so lang ist. In Rocky Mountain House sind wir, ähnlich wie schon in Hinton, überrascht von der Hotel-Infrastruktur. Ziemlich viele der bekannten Ketten sind hier vertreten. Unsere Wahl ist auf das Canalta Rocky Mountain House Hotel gefallen. Ist eine meiner Lieblings-Hotelketten in Alberta und außerdem gibt es direkt nebenan einen Pizza Hut. Comfort Food! Das brauchen wir heute! Was für ein Traumtag in den Rocky Mountain Foothills. Ich habe das vorgefunden, was ich erwartet hatte - und noch mehr! Erwartet hatte ich die Einsamkeit, denn es ist ja ein bekanntes Muster, dass die meisten Touristen die vorgegebenen "Rennstrecken" selten verlassen, um auch mal rechts und links zu schauen. Zum einen. Zum anderen stößt man auch immer wieder auf dieses Phänomen der Gruppen- oder Massendynamik. Schwarmintelligenz - da, wo alle hinfahren, muss es auch gut sein. Stimmt ja meistens auch. Nur der Rückschluss stimmt halt in Westkanada nicht. Im Gegenteil, da wo keiner hinfährt, kann es sogar noch besser sein! Es ist ja immer die Frage, was man in Kanada erleben will und wie. Will man bekannte Schnappschüsse "abarbeiten" oder will man die Wildnis erleben, in ihr Zeit verbringen? Wenn letzteres, dann braucht es halt ein bisschen Einsamkeit. Und die habe ich auf der Forestry Trunk Road gefunden - mitten in der westkanadischen Hochsaison!

Am nächsten Tag wartet der Cowboy Trail auf uns! Eine meiner absoluten Lieblingsstraßen in Alberta! Und seit langem fahre ich sie mal wieder im Sommer. Spätsommer, der September hat heute angefangen. Gute 600 Kilometer ist die Route 22 eigentlich lang. Von Whitecourt, nördlich des Highway 16 in Alberta, verläuft sie in Südrichtung durch die Rocky Mountain Foothills in Alberta - das Ganze mit leichtem "Westdrall", also immer näher an die Rockies heran. So etwa ab Rocky Mountain House hat man dann die gigantischen Rockies immer mal wieder im Blick. Und genau hier starten wir ja heute. Leider etwas verspätet, denn gestern ist während unserer Tour über die Forestry Trunk Road mein rechtes Bein stark angeschwollen und über Nacht ist es nicht besser geworden. Hilft nichts, da muss erst mal eben ein Arzt draufgucken. Und ja, man glaubt es kaum: Rocky Mountain House hat doch tatsächlich ein Krankenhaus. Ich habe Glück und komme schnell dran - und der Arzt beruhigt mich: es ist wohl nichts Schlimmeres. Mit ein paar Stunden Verspätung - alles in allem - können wir unsere Fahrt nach Süd-Alberta fortsetzen.

Bei der Gelegenheit aber vielleicht mal ein grundsätzlicher Hinweis zum Gesundheitswesen in Westkanada. Man braucht sich hier wirklich keinerlei Sorgen über das Netz - also über die Abdeckung bzw. Versorgungsdichte - zu machen. Wofür man aber sorgen sollte, ist die eigene ausreichende Versicherung für das Aufsuchen eines Krankenhauses in Kanada. Denn darauf läuft es hinaus: das Krankenhaus und damit automatisch meist die ambulante Notaufnahme, völlig unabhängig davon, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht. Offene Sprechstunden bei niedergelassenen Ärzten, wie wir es aus Deutschland kennen, gibt es in der Regel nicht - und freie Termine bei niedergelassenen Ärzten schon gar nicht. Also bleibt häufig nur die Ambulanz im nächsten Krankenhaus. Und dann legt man irgendwann die Kreditkarte hin, um die ca. 700$ zu zahlen - vorab. Tja, und spätestens dann ist es gut zu wissen, dass man zuhause eine Versicherung hat, die hierfür aufkommt. Es macht also richtig Sinn, vor einer Kanadareise zu prüfen, ob die eigene Krankenversicherung so etwas abdecken würde. Wenn nicht, unbedingt eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung abschließen!

So, jetzt aber los auf den Cowboy Trail. Sehr gespannt bin ich auf den Streckenabschnitt von Rocky Mountain House hinunter nach Bragg Creek westlich von Calgary, denn diesen Teil kenne ich noch nicht. Spannend. Und es wird eine schöne Fahrt, auf der es für mich allerdings Licht und Schatten gibt. Das Positive: Der Cowboy Trail ist in diesem nördlichen Streckenabschnitt eine echte Roadtrip-Straße. Kein Verkehr, urgemütlich und immer wieder kommt man durch kleine Ortschaften, die genau sind, wie man sie hier im eher einsamen Alberta erwartet: Klein und in der Fassade eher wie aus einem Western entlehnt. Man kommt nicht umhin, sich eine frühere Zeit vorzustellen, in der der Trail noch nicht asphaltiert war und diese kleinen Orte den Staub der durchfahrenden Pferdewagen schlucken mussten. Und das Negative? Tja, es passiert nicht viel auf diesem Streckenabschnitt. In Sachen Attraktionen, Viewpoints oder interessanter Unterkünfte. Was mich besonders erstaunt: Einige am Highway ausgeschilderte Unterkünfte, die sich vom Namen her durchaus interessant anhören, fahren wir an und finden sie nicht. Ja, richtig gelesen. Wir finden sie nicht! Dreimal passiert uns das. Und ganz ehrlich - wenn das schon einem alten Scouting-Hasen wie mir passiert, wie soll es dann einem Kanada-Neuling ergehen? Also, das gefällt mir nicht so gut.

In Bragg Creek ändert sich schlagartig alles. Den nun folgenden, südlichen Teil des Cowboy Trail kenne ich. Bin ihn schon mehrmals gefahren. Aber schon lange nicht mehr im Sommer. In Bragg Creek selbst denke ich zunächst, dass man nun endlich mal merkt, dass ja eigentlich noch Hochsaison ist. Es ist nicht voll, aber an der Tankstelle stehen nun doch ein paar mehr Autos, man sieht Menschen auf der Straße laufen. Man spürt die Nähe zu den Rocky-Mountain-Nationalparks und die Nähe zur Präriemetropole Calgary. Volltanken und weiter. Und schlagartig sind wir wieder ganz allein. Ja, wirklich! Wir sind ganz allein. Auf der gesamten Fahrt bis hinunter nach Pincher Creek. Es ist in meinen Augen der schönste Teil des Cowboy Trails, weil er mitten durch die Foothills führt, die hier nun so nah an den Rocky Mountains sind, dass die hohen Dreitausender ihnen eine Menge der aus dem Westen kommenden Feuchtigkeit wegschnappen und so zu dieser einmaligen semiariden Landschaft beitragen. Cowboy Country, Rancher Country! Jetzt passt der Name "Cowboy Trail" mal so richtig! Diese Landschaft um mich herum ist eine für mich wahnsinnig beeindruckende Schnittstelle zwischen Prärie und Gebirge. Unheimlich faszinierend, da man hier das beste aus beiden Welten bekommt: die unendliche Weite der Prärie und die fast atemberaubende Dramatik der schneebedeckten Rocky Mountains im Westen. Ein visuelles Fest. Man kann sich nicht sattsehen! Zum letzten Mal war ich im März 2016 hier. Ja, im März. Damals haben wir hier mit dem Team von Schöffel die Outdooraufnahmen für den Frühjahrskatalog gemacht. Genau aus dem gleichen Grund. Weil der Schöffel-Fotograf so beeindruckt von den visuellen Möglichkeiten in dieser so einmaligen Landschaft war. Es lohnt sich, auch einmal auf eine der vielen abzweigenden Schotterpisten abzubiegen und in die Hügel hineinzufahren. Und echte Attraktionen gibt es auch, z.B. mit der nahen Hat Creek Ranch oder dem etwas weiter entfernten Head-Smashed-In Buffalo Jump.

Wann immer man möchte kann man einfach anhalten mitten auf der Straße, um ein Foto zu machen. Man hält niemanden auf. Gegenverkehr? Fehlanzeige. Und die wenigen Autos, die uns begegnen, sind keine Wohnmobile. Im Ernst! Diese Erkenntnis bestätigt sich am Folgetag, als wir diesen Streckenteil wieder zurückfahren. Ganz klar, der Cowboy Trail ist trotz der einladenden Infrastruktur (er ist immerhin ein komplett asphaltierter Highway!) immer noch ein absoluter Geheimtipp. Über die Einsamkeit hier hatte ich mich schon im März gewundert, hatte es damals aber auch auf die Jahreszeit geschoben. Aber jetzt Anfang September? Warum ist hier niemand? Wo es doch so schön hier ist und man sich an so atemberaubenden Ausblicken auf die Rockies berauschen kann? Ich verstehe es nicht - schließlich ist diese Straße ja zu allem Überfluss auch noch eine sinnvolle Verbindung zwischen zwei großen Nationalparks. Waterton und Banff. Aber mir soll's recht sein. Ich genieße die Fahrt in die untergehende Sonne in vollen Zügen. Ein Traum. Genau wie im März. Überhaupt erkenne ich kaum Unterschiede zur Fahrt in März. Weniger Schnee auf den Rockies, ok. Und das Gras ist jetzt grüner, auch richtig. Aber sonst? Ist doch eigentlich eine unheimlich spannende Erkenntnis, dass man im Prinzip das ganze Jahr herkommen und dasselbe sehen und erleben kann. Oder?

Auch in Sachen Unterkunft werde ich endlich fündig. Sierra West Cabins - eine Pferde-Ranch wie aus dem Bilderbuch. Wäre sie nicht genau hier am Cowboy Trail, hätte man sie hier bauen müssen - so gut passt sie in diese einmalige Szenerie. Die eigene Hütte im einsamen Cowboyland. Mit Blick auf die majestätischen Rockies. Eigentlich sind die Sierra West Cabins in dem Sinne keine Neuentdeckung. Wir haben sie schon seit einiger Zeit im SK-Programm. Für mich fühlt es sich aber dennoch so an, denn ich bin zum ersten Mal hier. Und ich bin beeindruckt. Aber man muss es echt wissen, dass es diese Ranch hier gibt. Man muss auf die zwar sehr dekorative aber dennoch völlig allein dastehende "Trading Post"-Hütte achten. Sonst segelt man auf dem Cowboy Trail an den Sierra West Cabins vorbei. Denn die Ranch liegt hinter der "Trading Post". Wunderschön in einem Hügeltal und damit praktisch fast uneinsehbar von der Straße. Besitzer Randy Donahue hat penibel darauf geachtet, alles im rustikalen Western-Stil zu halten, der wirklich nirgendwo so gut hinpasst wie hierher in die Rocky Mountain Foothills, fast am Südende des Cowboy Trails. Knappe 20 Kilometer sind es von hier aus noch, bis die Route 22 auf den Highway 3 trifft, den Crowsnest Highway. Und dann noch einmal etwa 20 Kilometer bis zum nächstgrößeren Ort Pincher Creek vor den Toren des Waterton Nationalparks. Eine tolle Location also, ideal für Ausflüge in den Nationalpark, zum Crowsnest Pass oder zum Head-Smashed-In Buffalo Jump.

Pferde sind das eigentliche Thema im Leben von Randy Donahue. Vom Züchten bis zum Reiten. An unzähligen Rodeos hat er teilgenommen und seine eigenen Quarterhorses reitet er immer noch selbst ein. Randy liebt das, was er hier tut und er ist stolz auf seine Ranch und seine Cabins. Und das kann er auch sein. Alles macht einen sehr sauberen und guten Eindruck auf mich. Man darf nie vergessen: In den seltensten Fällen kündige ich meine Besuche an. Und auch Randy überrasche ich, als ich plötzlich vor ihm und seinem Truck stehe. In den wollte er gerade einsteigen, um nach Pincher Creek zu fahren. Das verschiebt er aber spontan für mich und zeigt mir einen Teil des Ranchgeländes und eine der drei Selbstversorger-Cabins. Ein richtig gemütliches Ferien-Blockhaus mit Küchenzeile und eigenem Bad. Etwas zentraler auf dem Ranchgelände gibt es dann noch drei Bunkhouses mit Kochzeile. Für sie gibt es ein zentrales Duschhaus und ein Kochhaus. Western-Style eben. Ach ja, Pferde. Natürlich sind auch geführte Ausritte optional möglich. Und blickt man von seiner Cabin hinüber zu den schneebedeckten Rockies, die sich glitzernd aus den grasigen Präriehügeln erheben, kann man sich wohl auch als Nicht-Reiter einen Packtrip in diese Wildnis vorstellen!

Den Abstecher in die Badlands, nach Drumheller und zum Dry Island Buffalo Jump, muss Videograf Tom ungeplant allein machen. Mein Bein ist wieder stark angeschwollen und ich beschließe, zwei Tage eher als eigentlich geplant zurück zu fliegen, um den heimischen Hausarzt doch mal draufschauen zu lassen. Nach unserer Fahrt zurück über den Cowboy Trail setzt Tom mich daher am Airport in Calgary ab und fährt allein weiter nach Drumheller. Tom schreibt: Der Ort Drumheller liegt etwa 140km nordöstlich von Calgary und die Fahrt dorthin führt durch das Rancher-Land von Alberta. Gelbe Felder so weit das Auge reicht. Farmen mit dunkelroten Gebäuden und den typischen Grain-Silos und -Elevators. Sobald man jedoch in das Tal von Drumheller einfährt, ändert sich die Landschaft schlagartig zu den sogenannten Badlands. Man ist also auf einmal von Sandsteinformationen umgeben, in denen die geologischen Schichten in verschiedenen Farben richtig sichtbar sind. Es wundert kaum, dass hier sehr viele Dinosaurier-Fossilien gefunden wurden. Das Canalta Jurassic Hotel liegt direkt am Highway an der Einfahrt zu Drumheller. Man sieht gleich, dass das Dinosaurier-Thema sehr die Gestaltung des Hotels beeinflusst hat. Die Zimmer sind gemütlich und ruhig und neben der Lobby befindet sich eine Popcorn Maschine, welche andauernd frisches Popcorn produziert und auch dementsprechend verlockend riecht. Ein durchaus empfehlenswertes Hotel, was mir gut gefällt. Aber als ein Hotel aus dem Alberta-Portfolio der Hotelkette Canalta ist es vor allem eines: ein gutes Beispiel dafür, was einen in Sachen Hotels erwartet, wenn man in Alberta abseits der ausgetretenen Touristenpfade unterwegs ist. Schon vor einigen Tagen in Rocky Mountain House waren wir im Canalta Hotel untergebracht. Was uns überzeugt ist die verlässliche, gleichbleibende Qualität. Kein außergewöhnlicher Luxus, aber halt definitiv keine bösen Überraschungen.

[Tom schreibt weiter] Der Ort Drumheller ist ein typischer Land-Ort in Alberta. Natürlich auch mit den üblichen Fastfood-Optionen, was mir zugegebenermaßen heute nach dem unvorhergesehenen Schlenker über den Calgary Airport (um Rainer an seiner Air-Canada-Maschine zurück nach Frankfurt abzuliefern) und der dort verlorenen Zeit echt gelegen kommt. Das Visitor Center am Red Deer River ist kaum zu verpassen, da der weltweit größte Dinosaurier davor steht. Man kann den 26-Meter hohen Tyrannosaurus Rex sogar von innen besteigen und oben von einer verglasten Plattform aus über Drumheller blicken. Doch die wahrscheinlich bekannteste Sehenswürdigkeit in Drumheller ist das Royal Tyrrell Museum, mitten in den Badlands gelegen. Man folgt dem Dinosaur Trail durch den Midland Provincial Park für etwa fünf Kilometer. Es lohnt ein Stop an der Newcastle Mine. Dort findet man ein Freiluft-Museum mit Ausstellungsstücken aus der Kohlezeit. Doch die tatsächliche Attraktion ist die eigenwillige Landschaft mit den verschiedenfarbigen Sandstein Formationen und kurzen Wanderwegen. Das Royal Tyrrell Museum ist Kanadas einziges Museum, das sich ausschließlich der Paläontologie widmet. Eine der weltweit größten Ausstellungen von Dinosaurier-Skeletten und -Versteinerungen findet man genau hier. Allein an den interaktiven Displays kann man sich stundenlang aufhalten, egal ob man Erwachsener oder Kind ist. Etwa eine Stunde Fahrt nördlich von Drumheller findet man den spektakulären Dry Island Buffalo Jump Provincial Park. Hier wird man mit einem einmaligen Blick über das Red Deer River Tal belohnt, bevor man in das Tal einfährt, um dort Wanderwegen durch die Sandsteinformationen zu folgen. Die Badlands haben ihren Namen wahrhaft verdient, denn hier können die Temperaturen gerne mal über 35 Grad steigen. Also die Wasserflaschen nicht vergessen! Insgesamt ist eine Reise in die Badlands ein absolutes Muss, schon allein, weil man hier dem Trubel in den Rockies entfliehen kann.

Ach, und dann habe ich [Rainer] mich daran erinnert, dass unser Reisejournalist Ole Helmhausen auch vor ein paar Jahren an diesem Ort war. Es hat mich interessiert, daher habe ich noch einmal herausgesucht, was er damals geschrieben hatte: Die schönsten Provinzparks der Badlands machen kein Bohei um sich. Wozu auch, kaum jemand findet den Weg hierher. Das Zeug zu Besuchermagneten hätten sie allemal. Die Abzweigung zum Dry Island Buffalo Jump Provincial Park verpassen wir um ein Haar. Wir fahren schon wieder viel zu schnell, ohne es wirklich zu bemerken. So einförmig gleitet die Prärie an uns vorbei. Doch dann schmiert unsere Welt plötzlich ab. Wir steigen aus und blicken einen 200 Meter tiefen Steilhang hinab. Keine Absperrung, kein Zaun. Bevor sie Pferde hatten, besagt ein Schild, trieben Cree-Indianer hier Büffelherden über die Kante. Unten mäandert der Red Deer River durch eine erodierte Landschaft aus Hoodoos und lichten Cottonwood-Wäldern nach Süden. Auf der anderen Seite schützt eine inselartige Mesa Fragmente ursprünglicher Prärie. Nur ein leerer Parkplatz macht glauben, dass sich mehrere Autos hierher verirren können.

Auch die anderen Hingucker der Badlands brauchen wir nicht mit allzu vielen Besuchern zu teilen. Ein paar Tage lang treiben wir uns in den sogenannten Special Areas herum. So heißen die von gut 5000 Menschen bewohnten, rund 20 000 Quadratkilometer zwischen den Nestern Hanna im Westen, Bindloss im Süden und Consort im Norden. Dies ist der trockenste und leerste Teil der Badlands. Im Dinosaur Provincial Park, immerhin ein UNESCO-Titelträger, weil hier so viele Fossilien von teilweise völlig unbekannten Dinosauriern aus den Sedimentschichten gekratzt wurden, nehmen wir ein paar der fantastischen Wanderwege durch die Wildwest-Canyons unter die Stiefel. Und im Writing-on-Stone Provincial Park mit seinen Unmengen prähistorischer Felsenbilder finden wir einen Aussichtspunkt, wo wir uns ins Gras werfen und den Blick über Canyons, Hoodoos und offene Prärie hinweg zu den 2000 Meter hohen Erhebungen der vulkanischen Sweetgrass Hills in Montana genießen. Nie hätten wir gedacht, dass Autofahren so erholsam sein könnte. [Ole]

Ergänzend noch kurz zur Erklärung: Für den Film über unseren Scoutingtrip habe ich Tom gebeten, die Badlands vor den Cowboy Trail zu stellen - also anders, als wir es eigentlich gefahren sind. Der Grund: Diese Tour hat mir so gut gefallen, dass ich sie zur Grundlage einer neuen Mietwagen-Selbstfahrertour hernehmen werde. Und für eine solche macht es einfach mehr Sinn, die Badlands voranzustellen. Hier ist die neue Reise auch schon: Silent Parks & Backroads. [Rainer]
Alberta Scouting 2018: Vom Elk Island NP zum Cowboy Trail

Alberta Scouting 2018: Forestry Trunk Road