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Wege in die Wildnis

Im Spray Valley

Alle fahren daran vorbei. Dabei ist es von Canmore nur ein kurzer Abstecher ins einsame Spray Valley.
Wer in diesem Shangri-La auf andere Wanderer trifft, ist ein ausgesprochener Pechvogel.
Text und Fotos: Ole Helmhausen


Allerdings ist das Tal nicht ganz leicht zu finden. Wegweiser sind rar. Im Resortstädtchen Canmore im Bow Valley fragen die "Locals" erst verwundert "Warum fahrt Ihr nicht nach Banff?", um dann den Kopf in den Nacken zu legen und in Richtung Three Sisters zu nicken, das scharf gezackte Bergtrio hoch über dem Ort. "Spray Valley - hm? Liegt hinter den Bergen da. Nehmt die Schotterpiste zum Wasserturm über der Schlucht." Das klingt prosaisch und romantisch zugleich. Gefällt uns. Wir wittern ein Abenteuer und fühlen uns wie Entdecker.

Im zweiten Gang rumpeln wir bergan. Zwischen Ha Ling Peak und Mt. Rundle arbeitet sich die Spray Trail genannte Piste durch eine enge Schlucht. Vorbei an einem kleinen Wasserkraftwerk, einem Reservoir und Parkplätzen für Tagesausflügler. Hinter dem Pass überquert die Piste noch einen Kanal, dann öffnet sich das Spray Valley vor uns. Der langgestreckte Spray Lake und mächtige Dreitausender, bedeckt von Schmelzwasserrinnen und Lawinenabgängen, bestimmen das Bild - eine wagnerianische Kulisse voller Kraft und Schönheit. Und latenter Gewaltbereitschaft. Die Rocky Mountains im Urzustand. Wir sind hellwach und schauen. Kein Auto zu sehen. Keine Schilder, keine Menschenseele. Mit jedem Kilometer streifen wir das einschläfernde Gefühl naher Zivilisation ein bisschen mehr ab.

Der Spray Valley Provincial Park schützt einen der schönsten Abschnitte der kanadischen Rockies. Im Norden grenzt er an den Banff National Park, doch damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Der berühmte Nachbar registriert vier bis fünf Millionen Besucher jährlich. Der Spray Valley Provincial Park nicht.

Wagnerianische Kulisse
voller Kraft und Schönheit


Wir checken in der wunderbaren Mt. Engadine Lodge ein und unternehmen anderntags eine Wanderung. "Neulich wurde im Park ein kleines Wolfsrudel gesichtet", gibt uns der Manager der Lodge mit auf den Weg. Die Lodge liegt am Südende des Spray Lake, am Rand einer Wildwiese mit Ständen dichten Mischwalds. Es ist die einzige Unterkunft im Park. Das Tal gilt als Wildnis-Korridor. Es ermöglicht Elchen, Hirschen, Bären und Wölfen relativ ungestört vom südlichen Peter Lougheed Provincial Park in die Nationalparks Banff und Jasper im Norden zu ziehen.

Der sechseinhalb Kilometer lange Wanderweg zum Buller Pass beginnt gleich neben der Schotterpiste des Spray Trail und verspricht grandiose Aussichten 700 Meter über uns. Doch nicht im Traum haben wir damit gerechnet, schon nach zehn Minuten die ersten Wölfe zu sichten! Erst halten wir es für Vogelgezwitscher. Dann klingt es wie Gewinsel an der Ultraschallgrenze. Am vorletzten Steg über den Buller Creek sehen wir sie auf einer Kiesbank flussabwärts: drei herumalbernde, vergnügt quietschende Wollknäuel. Sofort bleiben wir stehen. Wie angewurzelt - und doch nicht schnell genug. Ein großer Schatten löst sich aus dem Dickicht. Mit drei Sätzen ist die Wölfin bei ihren Welpen und schubst sie unsanft mit der Schnauze zurück in den Wald. Danach tritt sie zurück auf die Kiesbank, stellt die Vorderläufe in den Schlick und starrt regungslos zu uns herüber. Auch wir rühren uns nicht. Und wir verstehen ihre Warnung: Bis hierher und keinen Meter weiter! Die Begegnung dauert nur wenige Augenblicke. Zu kurz, um an die Kamera zu denken. Doch lang genug, um uns diesen Moment ins Gedächtnis zu brennen.

Danach setzen wir unseren Weg gut gelaunt fort. Eine Stunde lang stehen kerzengerade Engelmann-Fichten Spalier, dann lichtet sich der Wald und gibt den Blick bergan auf zwei mächtige, talähnliche Kerben im nackten Fels frei. Wir nehmen die rechte und lassen in ihr die Baumgrenze hinter uns. Anderthalb Stunden vom Trailhead entfernt ergießt sich der Buller Creek in einen türkisfarbenen Felspool. Dahinter ragt der knapp 3000 Meter hohe Mount Engadine wie ein spitzes Dreieck himmelwärts. Der Mount Buller direkt vor uns ist etwas niedriger.

Grizzlybären? Wir sind schon zu hoch. Oder doch noch nicht? Hin und wieder erwischen wir einander beim Spinxen über die Schulter. Zuletzt stehen wir auf dem Boden einer imposanten Felsenarena. Der Trail, nun von losem Geröll bedeckt, arbeitet, nein, hangelt sich in engen Serpentinen an der Bergwand aufwärts. 160 Höhenmeter später stehen wir auf dem Buller Pass - in 2485 Metern Höhe. Ein scharfer Wind zwingt uns zur Brotzeit in den Windschatten eines Felsbrockens. Auf der anderen Seite des Passes blicken wir in ein unbesiedeltes grünes Tal mit einem kleinen See, den Ribbon Lake. Gleich dahinter weitere Giganten und weitere straßenlose, unbesiedelte Täler. Gierig saugen wir die Leere in uns auf. Und lächeln. So müssen sich die Rockies vor dem Tourismus angefühlt haben!

Abends sitzen wir beim Bier auf der Terrasse der Mount Engadine Lodge und schauen dem Sonnenuntergang über den Bergen zu. Ein Elch überquert die Wiese und steuert auf das Wasserloch unterhalb der Terrasse zu. Hoch über uns kreisen Steinadler. Vom Geländer aus studiert uns ein Streifenhörnchen. Die Wiese war bereits Hollywoodkulisse: In "Auf Messers Schneide - Rivalen am Abgrund" mimt Alec Baldwin einen nach einem Flugzeugabsturz in der Wildnis gestrandeten Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs, der von seinem Leidensgenossen (Anthony Hopkins) wieder aufgerichtet wird. Bekannter gemacht hat den Park das nicht, gottseidank.

Als die Sonne hinter dem Mount Commonwealth versinkt, bleiben ihre Strahlen noch eine Weile an seinem gezackten Kamm hängen und bringen ihn zum Glühen. Das Schlürfen des Elchs liefert die Musik dazu. Nicht sonderlich romantisch, aber stilecht. Uns gefällt's.

Am Rand einer Wildwiese liegt die Mount Engadine Lodge, die einzige Unterkunft des Parks. Das Tal gilt als Wildnis-Korridor für die Tierwelt - vom südlichen Peter Lougheed Park bis zum Banff National Park.