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Vancouver is(s)t anders British Columbia, Vancouver, Coast & Montains - Kanada Städte Kanada, Reiseidee und Attraktionen

Wer Vancouver zum ersten Mal besucht, den zieht es sofort unwiderstehlich in Richtung Stanley Park. Ist einfach so. Der Stanley Park und sein Ausblick auf die Waterfront - das gehört eben zu Vancouver, wie der Eiffelturm zu Paris.

Text und Fotos: Ole Helmhausen


Immer, wenn ich in Vancouver lande, passiert das Folgende: Ich atme tief durch, behalte den Anblick der Berge beim Anflug, so lange es geht, vor Augen und schiebe dann die Hände in die Hosentaschen. Dann schlendere ich gemütlich zum "Baggage Claim". Dort sage ich meinen Mitreisenden auf Wiedersehen. Nett war's mit Euch und bleibt gesund - die allgemein gute Stimmung ist ansteckend. Dann ziehe ich meinen Koffer vom Band und trolle mich zur Canada Line. Und während ich die Stationen lese - Langara, Broadway-City Hall, Waterfront - wird mir leicht ums Herz.

Verrückt. Toronto und Montréal sind ja auch schön. Aber Vancouver ist halt anders. Ob es das Licht ist, die aus aller Welt stammenden Kids im Zug oder dieses undefinierbare Ding namens "Westcoast-Feeling" - keine Ahnung! Jedenfalls ist es klasse, für ein paar Dollar vom Airport nach Downtown zu gelangen und dort nur ein paar Schritte bis zum Hotel gehen zu müssen. Keine Rumkurverei, kein teures Taxi, keine nervige Umsteigerei in irgendwelchen U-Bahnen. Ich steige mitten im Vancouver City Center aus - nur drei Blocks bis zu meinem Hotel, dem Rosedale on Robson Suite Hotel.

Der Rest des ersten Tages vergeht mit Hallosagen. Hallo Chill Winston, du heiße Food Lounge am Maple Leaf Square! Gut zu sehen, dass der Rubel noch immer rollt - jedenfalls ist deine Terrasse pickepackevoll an diesem Nachmittag. Das Diamond gegenüber ist auch noch da. Während der olympischen Winterspiele haben sie mir dort meinen ersten Sazerac gemixt, den angeblich ältesten Cocktail der Welt. Ein Apotheker in New Orleans erfand um 1820 das Rezept. Ich gehe weiter nach Rail­town. Railtown wird als neuestes In-Viertel gehandelt. "Up and coming", wie das hier so schön heißt. Toll zum Treibenlassen: Im Railtown Café genieße ich einen Latte und im Belgard Kitchen lasse ich mir einen Salat namens "Quinoa + Rocket" servieren. Dann schaue ich noch bei "Ask for Luigi" vorbei und stelle fest, dass es das auch schon fast war. Railtown, eine Ansammlung aus alten Lagerhäusern und Eisenbahndepots jenseits von Gastown, ist echt cool. Aber es braucht noch ein paar Jahre und ein paar Start-ups mehr, finde ich.

Abends geht es dann hinauf zum Vancouver Lookout. Der Besuch dort oben ist für mich ein Ritual. Erst danach habe ich das Gefühl, wirklich in Vancouver angekommen zu sein. Der Rundumblick auf den Sonnenuntergang über Vancouver Island und das Abendrot über dem Rest der Stadt enttäuscht auch dieses Mal nicht.

Na klar - und der Stanley Park. Selbst wer schon x-mal in Vancouver gewesen ist, setzt den Park auf seine To-doList. Und warum auch nicht? Der Parkbesuch hat Tradition, und schön ist er ja auch. Aber es geht auch anders. Und vielleicht sogar zeitgemäßer und weniger reiseführerhaft. Bitte nicht falsch verstehen: Nichts gegen die Stanley-Park-Fans unter uns - ich gehe ja selbst auch immer wieder zum Park hinab!

Aber diesmal möchte ich mit Gleichgesinnten etwas Neues ausprobieren. Deshalb und auch weil Liebe bekanntlich durch den Magen geht, schließe ich mich einer Tour von Vancouver Foodie Tours an (seit 2017 neu im SK-Programm). Die Guides dieser Company zeigen ihren Gästen auf einer zweistündigen Tour die besten Foodtrucks der Stadt. Foodtrucks sind rollende Imbisse, vergleichbar den Würstchenbuden auf einer westfälischen Kirmes. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Foodtrucks servieren keine Currywurst mit Pommes rot-weiß, sondern Gourmet-Fastfood. Und wer jetzt glaubt "So ein Quatsch! Der Ole spinnt - diese beiden Wörter werden niemals zueinander finden", muss jetzt wirklich weiterlesen.

Unser vitaler Guide heißt Jennifer und ich treffe sie und die übrigen Teilnehmer dieser Tour, ein Ehepaar und zwei Freundinnen - alle Kanadier - wie verabredet um 10 Uhr morgens an der Ecke Burrard und Smithe. Die Wahl des Ortes ist kein Zufall. Hier steht einer der ältesten Foodtrucks der Stadt. Er brachte 2005 die Foodtruckbewegung quasi ins Rollen, und zwar mit einer Kreation, die mir, als ich damals in Montréal davon las, den Magen umdrehte: ein Hot-Dog-Brötchen mit einer fettigen Wurst aus Kurobuta-Berkshire-Schwein - dem Vernehmen nach der Rolls Royce in der Schweinefleischwelt - mit Teriyakisauce, japanischer Mayo, schleimigen gebratenen Zwiebeln und in Streifen geschnittenem Seetang darüber. "Japadog" heißt die Kreation. Und Jennifer lässt uns probieren. Bin ich skeptisch? Klar! Schließlich bin ich aus Ostwestfalen, wo man nach der Devise "erst mal gucken" lebt. Ich beiße also hinein - und erlebe mein blaues Wunder! Es schmeckt super lecker! Kein Wunder,
dass Japadog inzwischen fünf Foodtrucks und ein Restaurant an der Robson Street betreibt!

Mit der Ausschreibung der ersten 17 Lizenzen für Foodtrucks rannte die Stadt Vancouver damals offene Türen ein. Über 800 Anträge, erzählt Jennifer, wurden eingereicht. Bald waren die meist bunt bemalten, rollenden Imbissstuben Teil des Stadtbilds. 2011 formulierte die Stadt dann ein Regelwerk, wonach potenzielle Foodtruckbetreiber einen Geschäftsplan vorlegen, ihre Kochgeräte vom Gesundheitsamt abklopfen und ihre Speisekarten von einem Gremium aus Juroren aus der Restaurant- und Foodbloggerszene absegnen lassen mussten. Heute gibt es über hundert Foodtrucks in der Stadt, die internationale Spezialitäten und wilde Kreationen anbieten. Spannend!

Den salzig-süßen Geschmack noch im Gaumen - und wahrscheinlich ein Stück Seetang zwischen den Zähnen - schlendern wir danach munter plauschend zum nächsten Foodtruck. Dabei hören wir von Jennifer, was so gerade in Vancouver läuft. Dass die Stadt unter anderem bis 2020 die grünste Stadt der Welt sein will und deshalb ihre umweltfreundliche Agenda agressiv vorantreibt. Inzwischen fahren beispielsweise über die Hälfte der Vancouverites mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Oder sie gehen zu Fuß, was dem Stadtbild noch mehr Leben einhaucht.

An der entsprechend pulsierenden Ecke Granville und Georgia heißt es dann wieder Essenfassen, dieses Mal indisch. "Soho Road" heißt der Truck - zur Erinnerung des Besitzers an seine Zeit im britischen Birmingham. Als ich über den Counter spähe, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Da sind gleich zwei irdene Tandoori-Öfen in Betrieb! Der Duft ist betörend und zieht auch den Leuten an der nahen Bushaltestelle in die Nase. Jennifer bestellt eine ausladende Platte mit Butter Chicken und Tandoori Chicken Wraps. Sagte ich schon unwiderstehlich? Und ja, essen entspannt. Die Atmosphäre lockert sich zusehends unter uns Teilnehmern. Gefällt mir!

Ungeniert die Finger leckend spazieren wir danach zu zwei weiteren Foodtrucks, dem chinesischen "Eat Chicken Wraps" an der Ecke Howe und West Georgia und dem kanadischen "Tacofino" an Burrard und Dunsmuir. An Ersterem essen wir Hoisin Chicken Rolls, eine unwiderstehliche, von Pekingente und chinesichen Pfannekuchen inspirierte Sünde. Und bei "Tacofino" gibt es genau den Fish-Taco, mit dem die Besitzer schon in Tofino auf Vancouver Island die Foodbloggerszene auf sich aufmerksam gemacht haben.

Fazit: Ich lerne muntere Kanadier kennen, esse mich durch die Vielfalt Vancouvers und habe dabei eine Menge Spaß. Zum Stanley Park gehe ich danach aber trotzdem. Ein bisschen, weil ich das Gefühl habe, es zu müssen. Aber ehrlicherweise auch - ganz banal - zur Verdauung.

Zu meinem nächsten Erlebnis in Vancouver muss ich direkt gestehen, dass ich vor allem die klasse Stimmung behalten werde und weniger das brautechnische Knowhow. Worum geht's? Auf meiner Mission, das Vancouver-Feeling einmal anders als im Stanley Park zu erleben, habe ich mich einer Tour durch die Craftbeer-Szene der Stadt angeschlossen (auch neu im SK-Programm). Ich stelle mir vor: Bierfans unter sich - das kann doch heiter werden! An der Waterfront Station steige ich also in den alten Van von unserem Guide Sean, sage meinen Mitstreitern Hallo und los geht's nach East Vancouver, hinein in die Craftbeer-Szene.

In den alten Lagerhäusern und Industriegebäuden haben sich in den letzten zehn Jahren über 20 Mikrobrauereien eingenistet, erzählt Sean. Die meisten haben „tasting rooms“ und fungieren auch als Nachbarschaftskneipen.

Erster Stopp: die Brauerei Main Street Brewing an der East Seventh Avenue. Ich trete ein und kann es kaum fassen: Der Laden ist rappelvoll. Wir, ein schottischer Vater mit seinem gerade volljährig gewordenen Sohnemann, ein Ehepaar aus Seattle und ich, finden noch so gerade einen Tisch. Sean serviert jedem vier Biere des Hauses. Zwei habe ich vergessen, aber das Westminster Brown, ein braunes obergäriges Bier mit drei Hopfensorten, geht runter wie nichts. Auch das No. 7 Saison, ein entfernt nach Pfeffer und Zitrone schmeckender Durstlöscher, gefällt mir. Die Stimmung steigt wie eine Rakete.

Während Sean mit glänzenden Augen von Craftbier redet – keine Frage, das ist sein Ding – schlürfen wir noch weitere Testbecher mit Bieren wie Session IPA und Single Hop IPA. Was sind IPAs bzw. Indian Pale Ales? Obergärige Biere, sagt Sean, mit speziellen Hopfensorten, obergärigen Hefen und spannenden Aromen. Der Schotte erzählt dem Sohnemann von seinem ersten Rausch, das Ehepaar aus Seattle distanziert sich von dem Politzirkus in Washington. Um uns herum kommen und gehen junge Vancouverites, ein paar nennen unsere Probiergläser viel zu klein, man kommt ins Gespräch. Fühle mich sauwohl.

Dann wieder in den Van und ein paar Blocks weiter. Löchriger Asphalt, Kabelsalat an rissigen Häuserwänden, Graffiti. Von hier aus liegt der Stanley Park auf einem anderen Stern. Dies ist East Van, oder „Yeast Van“, wie die Einheimischen augenzwinkernd sagen. Wir halten vor der Brauerei „Off the Rail“ an der Adanac Street. Alle Mann rein, Tisch beschlagnahmt und zunächst eine kurze Besichtigung der Brauerei. Dann wird’s wieder ernst. Ich mag das Nut Brown Ale am liebsten und stelle fest, dass meine Zunge langsam schwer wird.

Vancouver ist eine atemberaubende Stadt. Sie ist nicht nur mit einer spektakulären Geografie gesegnet. Auch ist über einem ständig etwas los. Rote Sonnenuntergänge über English Bay, die elegante Skyline und im Hintergrund die Umrisse der steil aufragenden Coast Mountains: Es wird einfach nicht langweilig. Und dann natürlich die Wasserflugzeuge.

Nach drei Tagen in Vancouver kann ich jedem, der Vancouver wirklich erleben möchte, nur dazu raten, die von mir beschriebene Foodie- und Brewery-Tour zu machen. Und, denn aller guten Dinge sind drei, den Mail Run mit den Wasserflugzeugen von Harbour Air Seaplanes. Der Sitz der mit 200 Flügen täglich weltweit größten Wasserflugzeuggesellschaft liegt mitten im Coal Harbour, umgeben von Kreuzfahrtschiffen und Segelyachten. Der Augenschmaus beginnt, sobald man im gläsernen Terminal eintrifft, einen Gratis-Willkommenskaffee und Muffins bekommt und den Blick auf das Kommen und Gehen zu Wasser und in der Luft bestaunt.

Ich habe den Mail Run gebucht: Erst soll es mit einer für bis zu 14 Passagiere ausgelegten Twin Otter nach Ganges auf Salt Spring Island gehen und von dort aus mit einer kleineren DeHavilland Beaver weiter nach Maple Bay auf Vancouver Island. Sinn und Zweck dieser Mail Runs ist der Transport von Post zu den isolierten Gemeinden der Gulf Islands plus die Mitfluggelegenheit für Einheimische, die es eilig und keine Zeit für die Fähren haben.

Das Prozedere geht so: Man geht zum Schalter und erhält sein Ticket. Wenig später ist das Boarding angesagt: Man spaziert zum Dock, drückt dem Piloten sein Gepäck in die Hand – man darf es nämlich nicht mit sich führen – und klettert oder kriecht – ja, es ist eng – auf seinen Platz. Mit etwas Glück erwischt man auch den Platz neben dem Piloten. Dieser sagt ein paar Worte zur Sicherheit, denen keiner zuhört, dann steuert er die Twin Otter hinaus in das Hafenwasser. Und dann geht's los.

Die Twin Otter nimmt Fahrt auf, hebt irgendwann kaum merklich ab und wuchtet sich dann in einer steilen Kurve in die Lüfte. Was dann kommt, ist einfach eine Wucht! Vor allem von einem Fensterplatz aus! Ich fliege über die Lion’s Gate Bridge und über offenes Meer den Gulf Islands entgegen. Links gleiten der Stanley Park und die Skyline von Downtown vorbei, rechts die Coast Mountains. Bei einer Geschwindigkeit von 140 bis 190 km/h und einer Höhe unter 3000 Metern bleibt reichlich Zeit und Gelegenheit zum Schauen und Genießen. Die 20 Minuten nach Ganges auf Salt Springs Island bieten tolle Blicke auf Schiffe, Inseln und Eilande im Minutentakt!

In Ganges, einem knuddeligen Dorf mit Yachthafen, Markt und vielen Kunstgalerien, steige ich aus und beobachte das Treiben. Der Pilot lädt einen Postsack aus, verabschiedet seine Passagiere und heißt neue willkommen. Ich schlendere zum Ende des Docks, wo schon die Beaver nach Maple Island wartet. Handschlag mit dem Piloten, einem jugendlichen Milchgesicht, dann geht’s weiter. Der Blick auf die Inselwelt ist einfach wunderbar. Auch die übrigen Gäste, Einheimische und Touristen, sind im Anblick versunken. Der Rückflug ist Genuss pur. Wir halten nach Walen Ausschau, haben aber kein Glück. Macht nichts. Nachdem wir den Stanley Park passiert haben, stelle ich mein Handy auf Video und filme die Kurve über dem Burrard Inlet und die Landung vor der Skyline von Downtown Vancouver. Einsame Spitze, große Klasse, unvergesslich. Und absolut das Geld wert!