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Spätsommer in Westkanada Westkanada - Kanada Wohnmobil und Fraserway

Kanada September 2014: "Why not? Könnt ja amazing werden!"

3,5 Wochen Wohnmobil von und nach Vancouver

Ein Beitrag zum Textwettbewerb 2014 von SK-Kundin Janina Hofmann

Endlich ist es soweit! Alle bereit einzusteigen? Aber wo bleiben denn meine Manieren, bevor man sich mit Fremden auf eine Reise begibt muss man sich natürlich ordnungsgemäß vorstellen. Wir, das sind Felix (zarte 27, naja 28 Jahre jung, frisch gebackener Medizinstudent, 3. Kanadareise, outdoorerprobt) und Janina (noch zärtere 25 Jahre jung, frisch zertifizierte Magistra, Kanada Ersttäterin, schläft nur auf Festivals im Zelt) fassten vor gut zwei Jahren den Entschluss, nach Kanada zu reisen. Kanada! So wild, so schön, so aufregend und leider... so weit weg. Gefüttert von zahlreichen Dokumentationen und Reiseberichten festigte sich der Entschluss, trotz wackliger Finanzlage, da irgendwie hinzukommen. Dank eiserner Sparpläne und eines gewissen attraktiven Frühbucherangebotes sollte der Traum dann endlich wahr werden. Wer mitfahren will, den erwarten: 2,5 Wochen bestes Wetter, 1 Woche Regen, tolle Landschaften, ausgedehnte Wanderungen, wilde und weniger wilde Tiere, ein Monster von einem Auto, ein bisschen Kultur, Irrfahrten und diverse Alarme.

03.09.14 Ready for take-off
Ah endlich! Mein erster Transatlantikflug. Aufgeregt bin ich, Felix weniger, aber der ist wenn es ums Fliegen geht auch schon ein alter Hase. Flughafenatmosphäre ist für mich aber auch echt immer ein bisschen aufregend. Nach bestandener Gesichts- und Sicherheitskontrolle fallen wir in die erstaunlich bequemen Sitze unserer Air Transat Maschine. Da hatten wir uns aufgrund einschlägiger Beschwerden im Internet auf Schlimmeres gefasst gemacht. Gut, bissl eng ists schon, aber wir mögen uns ja und zum Glück konnten wir auch Plätze in einer Zweierreihe ergattern. Das Geld ist gut investiert. Überhaupt entpuppt sich Reihe 44 als Volltreffer. Dadurch dass die Reihe davor noch mit drei Sitzen bestückt ist kann man nicht nur aufstehen ohne den Gang zu blockieren, man hat auch mehr Stauraum. Dieser wird auch gleich zum Bersten bestückt, wofür ich mir von links nur ein Augenrollen einhandele. Der Flug ist wundervoll, man fliegt ja auch der Sonne hinterher und die Aussicht auf Island und Grönland ist atemberaubend. Überhaupt - Island: Take that, Bardabunga! Die Medienpanikmache um den drohend brodelnden Vulkan mit dem lustigen Namen hat mir doch ganz schön aufs Gemüt gedrückt. Klingt vielleicht komisch, aber erst als wir über Island hinweg sind kann ich mich so richtig entspannen. Jetzt sind wir auf dem Weg. Der Blick von oben auf Vancouver tut dann aber sein Übriges - wir sind wirklich in Kanada. Und unverschämt schön liegt sie da, die Stadt von der wir so lange geträumt haben. Wir sind zwar schon ein bisschen rumgekommen, aber da kommt wenig dran. Vor der Einreise nochmal kurz Nervosität, aber völlig unbegründet. Mit nicht mehr jungfräulichen Reisepässen und leuchtenden Augen fahren wir ins hell erleuchtete Downtown - und sind einfach nur verzaubert. Der Blick aus dem fünfzehnten Stock unseres Hotelzimmers tut sein Übriges bis uns die Augen vor Erschöpfung zufallen.

04. - 07.09. Vancouver: "These Streets will make you feel brand new, these lights will inspire you..."
Jaja, ich weiß, der Song ist eine Hymne auf New York, aber wer brauch schon New York wenn er Berge, Pazifik und eine quicklebendige Metropole in einem haben kann? Unsere Reise beginnt mit drei Tagen Aufenthalt hier und drei sensationellen Sonnenaufgängen, Zeitumstellung und verwirrtem Biorhythmus sei Dank. Unseren ersten Urlaubstag beginnen wir gebührend mit einem Frühstück am Canada Place und sind zum ersten Mal begeistert von der vielgepriesenen Freundlichkeit der Kanadier. Es soll nicht das letzte Mal sein. Auf eine Erkundung Downtowns folgt die erste von vielen Irrfahrten dieser Reise. Da wir Karten für das Bard on the Beach Shakespeare Festival vorbestellt haben, fahren wir zum Box Office, um diese abzuholen. Wie bei Kulturbetrieben so üblich, ist dieses Office klein, unauffällig und alles andere als zentral gelegen. Und - wir müssen da gar nicht hin. Unsere Karten liegen an der Abendkasse, hätten wir uns auch denken können. Dafür finden wir auf dem Weg den riesigen MEC Store, wo wir in den nächsten Tagen nochmal vorbeischauen wollen. Downtown noch schnell ein paar Mitbringsel besorgt und dann ab in den wunderschönen Stanley Park. Wir studieren interessiert die Totem Poles und auch den "Legends of the Moon" Store (Janina: "Boah nee, lass nicht reingehen, die haben bestimmt nur so Touri-Indianerkitsch" Felix:"Ach komm, gucken schadet ja nicht..") Wir verlassenen den Laden um einige Dollars ärmer und erfreuen uns auch jetzt noch an sehr schönen Tshirts, Mützen und Schals. So viel zu Vorurteilen. Ein bisschen Touri muss ja erlaubt sein. Nach einem ausgedehnten Spaziergang an der Sea Wall brechen wir mit dem Bus in Richtung Vanier Park auf, an dessen Strand heute Abend A Midsummer Nights Dream geboten wird. Wir können jedem Shakespeare Fan, oder solchen, die es werden wollen, den Besuch des Festivals nur empfehlen. Die Aufführung war einfach nur super! Und das Stück ein wunderschöner Kommentar zu unserer Reise, die uns immer noch wie ein Traum vorkommt.

Am nächsten Morgen schlendern wir erstmal durch den vornehmen False Creek und nehmen dann den Aquabus nach Granville Island. Auf dem Granville Island Market gehen uns die Augen ob der vielen Schmankerl über und es zeigt sich, dass Vancouver nicht nur ein Augenschmaus ist. Bestückt mit Bagels, Muffins und Scones fläzen wir uns in die Sonne und machen mit Blick auf den Hafen unsere erste Tier-Naherfahrung: Krähen, Möwen und ganz putzige kleine braune Vögel mit weißen Punkten hoffen, dass ein Stück vom Kuchen abfällt. Wir bleiben knallhart und setzen nach Erkundung der kleinen Insel über zum Olympic Village und Science World Museum, wo wir auf dem Weg noch ein Seehundpaar beobachten können. Felix will im Wissenschaftsmuseum Kindheitserinnerungen auffrischen, aber wie das so ist mit der Kindheit - Wahrnehmung und Ansprüche ändern sich eben mit der Zeit und wir verlassen das Museum ernüchtert. Einzig der Community Garden und das nette Gespräch mit einer Mitarbeiterin machen den Besuch lohnenswert. Jetzt wissen wir auch, dass ein kleines 2-Zimmer Apartment im Stadtteil Kitsilano gerne mal 1500 Dollar kostet. Da zeigt die schöne Stadt doch glatt ihre eiskalte Schulter. Der folgende Abstecher in den zwar fotogenen, in der Realität aber leicht enttäuschenden und sehr teuren Dr Sun Yat Sen Chinese Garden lässt uns eher ernüchtert zurück. Der anschließende Schlendermarathon durch China- und Gastown gefällt uns da schon besser, auch wenn sich hier der fast schon obligatorische unfreiwillige Touristenabstecher in die berüchtigte East Hastings Street ereilt. Die Eindrücke beschäftigen uns noch den ganzen Tag, aber wirklich bedrängt oder gar bedroht haben wir uns nicht gefühlt. Als echter Frankfurter ist man da schon anderes gewohnt.

Es folgt prompt Irrfahrt Nummer 2, die schändlicherweise wieder auf mein Konto geht. An dieser Stelle sollte ich mich vielleicht outen: ja, ich bin eine Planerin. So eine, die Stunden vor Tripadvisor verbringt und sich irgendwelche Restaurants rausschreibt? Ja, so eine. Wir wollen also zu diesem vegetarischen mexikanischen Restaurant am Commercial Drive. Diesen erreichten wir schon nur ob der Gnade eines Busfahrers, der unseren Kleingeldmangel freundlich lächelnd übergeht. Und dann stellen wir fest, dass es zur gewünschten Adresse noch ca 20!! Blocks zu laufen sind. Tja.. Warum sind auch alle Wunschrestaurants am A*** der Welt?!? Also wieder zurück Richtung Downtown (diesmal mit Fahrkarte) und sich auf Sushi mit Meerblick geeinigt. Auf dem Nachhauseweg noch schnell mit den streikenden Lehrern solidarisiert und dann husch husch ab ins Bett. Zu den Klängen des absurden, aber sehr unterhaltsamen christlichen TV-Programms ("Praise the Lord!" "I could feel Jesus healing my cancer!") schlafen wir ein.[...]

07.09. Hit the Road, Jack..
Heute machen wir uns auf ins Abenteuer. Wir nehmen ein standesgemäßes Frühstück bei Tim Hortons ein, wo ich anscheinend die erste bin, die jemals einen Bagel ohne Bacon oder Sausage bestellt hat. Schmeckt aber auch so. Dann verabschieden wir uns von unserem wunderschönen Ausblick und warten auf das Shuttle von Fraserway. Das kommt auch, lädt eine Gruppe Menschen aus, aber als der Fahrer sich dann anschickt, wieder wegzufahren, müssen wir doch mal kurz zucken. Wir haben zwar Abholort und -zeitpunkt mit Fraserway besprochen, sind aber wohl auf keiner Liste gelandet. Da hatten wir jetzt nochmal ordentlich Glück. Auf dem Gelände von Fraserway lernen wir ihn dann endlich kennen: unseren Truck Camper Super Duty. Ein Biest von einem Fahrzeug mit kleiner, aber feiner und für uns völlig ausreichender Wohnkabine. Wir sind hin und weg! Nun rächt sich endgültig die völlig überzogene Menge an Gepäck, denn das Einräumen dauert gefühlte Ewigkeiten. Dafür sind Einweisung und Formalia super schnell erledigt und am frühen Mittag fährt Felix das Ding leicht nervös und mit meiner seelisch-moralischen Unterstützung vom Hof.

Den ersten Halt legen wir natürlich standesgemäß bei Walmart ein, und dann auch noch im Super Store. Bei der Masse an Essbarem und anderen Dingen wird einem fast schwindelig. Bei der durchschnittlichen Packungsgröße auch. Wir halten uns sprichwörtlich an den Händen und würden am liebsten auch noch Brotkrumen streuen um den Weg nicht zu verlieren. Eine Stunde später und einige Dollars ärmer machen wir uns dann wirklich auf ins Abenteuer. Mit unfreiwilliger Detour natürlich, viel Geschimpfe von Felix und überraschend wenig Gehupe von anderen Verkehrsteilnehmern inklusive. Den Sea-to-Sky Highway finden wir dann aber doch und genießen die unbeschreibliche Aussicht auf die Pazifikküste mit ihren Fjorden. Nach 40 km sagen wir der Straße schon wieder adieu und steuern auf unseren CG zu, den wunderschönen Porteau Cove PP, einziger vorausgebuchter Platz und einer der schönsten der Reise. Hier geben wir auch dem eiskalten Pazifik, dessen Wellen über den Rand unseres Stellplatzes schwappen, noch eine zweite Chance. Danach halten wir die Nasen in die Sonne, schlendern herum und sind ganz aufgeregt, als wir unsere Stellplatzmitbewohner, zwei süße Squirrels, kennenlernen. Da war uns noch nicht klar, dass die hier so verbreitet sind wie bei uns zuhause Amseln. Macht nix, den Nachbarn hat unsere naive Begeisterung jedenfalls gefallen. Und hier gibt es natürlich viele erste Male: erstes Mal möglichst männlich cool Holz hacken, erstes Mal sanitäre Anlagen auf dem CG benutzen (ich bin überzeugt, hier entscheidet sich, ob man wirklich zum Camper gemacht ist oder doch lieber im Hotel bleiben sollte), erster Kontakt mit der RV-Gigantomanie der Kanadier. Denn das Wohnmobil unserer Nachbarn ist groß, sehr groß. Ungefähr so groß wie ein ausgewachsener Reisebus. Und kurz nach Ankunft fängt es auch noch an, geheimnisvolle Geräusche auszustoßen und diverse Dinge auszufahren. Wir können den Blick gar nicht abwenden, fühlen uns stark an einen gewissen amerikanischen Blockbuster erinnert und taufen das Ungetüm liebevoll "Optimus Camper". Und auch nachdem wir auf unserer Reise noch größere RVs gesehen haben; ich bleibe dabei: jedem das Seine, aber wer zu zweit in so einem Monstrum Ferien macht und dann auch noch bei sternklarem Himmel unter der Markise sitzt, dem ist nicht zu helfen.

Unter all den Eindrücken sind aber weder die erste Campingerfahrung noch die Tiere noch das erste Feuer am schönsten. Am schönsten ist der Sonnenuntergang, der den Himmel in unzähligen Facetten färbt und das Meer wie blutrot, nein, fast pink aussehen lässt. Wir wünschten, er hätte ewig gedauert und sind ab jetzt endgültig ganz weit weg von zuhause.

08.09. Stairway to Heaven
Noch immer von der Zeitumstellung verwöhnt genießen wir den Morgen alleine am steinigen Strand, den die Ebbe freigelegt hat. Bei einem kurzen Spaziergang finden wir nicht nur rostige Schienenteile, sondern auch lange, rostige Nägel, die aus dem Boden ragen. Bei dem Gedanken, dass wir hier gestern barfuß durchs Wasser geplantscht sind, wird uns ein bisschen anders. Ein bisschen anders wird uns auch bei unserem Frühstück mit Aussicht auf die Bucht, nicht wegen der Aussicht, sondern wegen der "Great Value" Baked Beans mit Maple Syrup, die nicht wirklich eine gute Investition waren. Wir schlagen uns tapfer, müssen aber doch den Großteil wegwerfen. Als der Rest des Campingplatzes erwacht (inklusive unserer schwer verkaterten Nachbarn, die unsanft von der Park Attendence geweckt werden, weil sie alles Essen über Nacht draußen stehenlassen haben) machen wir uns auf den Weg. Wir genießen das Panorama auf dem Weg zwischen Küste und Coast Mountains und wundern uns über Radfahrer auf dem Highway ("Share the Road!"), die uns ganz schön ins Schwitzen bringen, da wir das Verhältnis von Fahrzeug- und Spurbreite noch nicht wirklich einschätzen können. An den Shannon Falls machen wir unseren ersten Halt, kraxeln über steiniges Gelände und bestaunen das herabfallende Wasser. An den folgenden Sehenswürdigkeiten braust Felix aber im Racer Modus, trotz meiner verzweifelten Rufe, vorbei (wegen der Brandywine Falls bin ich ihm immernoch etwas böse, "Herr der Ringe" Fans werden vllt verstehen warum).[...]

Wir fahren durch das Cariboo Country und genießen die Weite und Einsamkeit. Kurz vorm 100 Mile House biegen wir ab auf den Highway 24, den Fishing Highway, unsere letzte Tagesetappe. Wir machen noch einen Tankstopp und beim Aussteigen trifft uns fast der Schlag. Wir sind bei sommerlichen 25 Grad losgefahren und selbst in den Bergen war es noch angenehm warm. Hier, auf dem 1300 Meter hohen Seenplateau, weht ein eisiger Wind und wir flüchten schnell in den kleinen Store. Die anwesenden Locals scheinen sich alle zu kennen (es ist der einzige Store auf dem gesamten Highway) und tauschen munter Temperaturprognosen aus (es soll wohl frieren heute Nacht). Hier oben treffen sie Anfang September schon Vorbereitungen für den Winter. Wir stellen uns vor, wie es ist, in der Einsamkeit eingeschneit zu sein und erreichen fröstelnd unseren Campground: den Bridge Lake PP. Hier sind wir fast alleine und können deshalb direkt am See campen. Wir genießen den Sonnenuntergang, für eine Erkundungstour sind wir dann aber doch zu müde und verfroren. Die 350 km stecken uns in den Knochen. Hier bewahrheitet es sich, dass 350 km Mountain Highway in Kanada nicht vergleichbar sind mit 350 km Autobahn in Deutschland. An diesem Abend gibt es neben Pasta und Dessert die Premiere von einer von Felix Spezialitäten auf dieser Reise: Alarme auslösen. Denn kaum haben wir es uns im Camper gemütlich gemacht zerreißt das schrille Fiepsen des Feuermelders die Stille. Den hatte Felix mit dem Abgießen der Nudeln ausgelöst und es dauert ein bisschen, bis das Ding besänftigt ist. Auch das sollte nicht das letzte Mal sein. Fröstelnd und schlotternd verkriechen wir uns nach einem warmen Essen ins Bett. Heute schlafe ich mit Decke und Schlafsack und sogar Felix zieht für die Nacht eine Mütze auf. Also dann, hoffentlich bis morgen, wenn wir nicht erfroren sind...

09.09. Into the Wild
Schlotter, bibber... warum ist der Morgen auch immer kälter als der Abend? Es fällt uns unendlich schwer, unter den warmen Decken hervorzukrabbeln, unter denen nur die Nasen herausschauen. Im Camper ist es bestimmt kälter als im Kühlschrank und die beschlagenen Fenster geben keinen Aufschluss über das Wetter. Aaaber.. es gibt ja ein Geburtstagskind! Felix wird heute 28, wenn das mal kein Grund zum Aufstehen ist. Wir feiern gebührend mit Kaffee, ausgedehntem Frühstück und 5 Minuten Heizung und lernen hier am kalten Bridge Lake die Katzenwäsche zu schätzen. Duschen im eiskalten Camper? Undenkbar! Muss auch so gehen, dafür sind wir ja aus der Zivilisation geflohen. Wir genießen die Morgenstimmung am See und die klare eiskalte Luft. Den Schaum am Seeufer halten wir im ersten Moment für Eis (und verkaufen das auch seitdem allen unseren Freunden so, Beweisfoto inklusive). Der tolle Morgen wird gekrönt von dem Weißkopfseeadler, der über unsere Köpfe segelt. Doch auch heute zieht es uns wieder weiter, nach Clearwater und in den Wells Gray PP.

Die Fahrt nach Clearwater über den Fishing Highway ist wunderschön, aber pünktlich als wir in dem winzigen Ort ankommen, zieht der Himmel zu und es wird noch kälter. Oder vielleicht sind wir auch einfach nur weichgekocht, denn unseren Stiefel-, Pulli- und Mützenlook kontern die Anwohner mit kurzer Hose und T-Shirt. In Supermarkt, Pharmasave und Liquor Store stocken wir nochmal die Vorräte auf und fühlen uns wie zwei Prepper, die sich auf den Weltuntergang vorbereiten. Die Aussicht auf mehrere Tage im Wells Gray Park fühlt sich aber auch wirklich nach unserem ersten Wildnisabenteuer an. "Adventure starts here", diesmal aber echt. Um die Mittagszeit machen wir uns also auf in unser persönliches "Heart of Darkness". Das erreicht man aber nicht wie im Roman per Boot, sondern über ungefähr 40 km Schotterstraße. Die erste Gravel Road Erfahrung ist wacklig, rutschig und sehr staubig. Wir sind beide froh über unseren Truck Camper, nicht nur wegen der großen Bodenfreiheit, sondern auch weil man das Klappern und Scheppern aus der Wohnkabine nicht hört. Für die unbequeme Fahrt wird man aber durch die vielen schönen Plätze am Wegesrand entschädigt. Wir machen Halt an den schönen Saphats Falls und feuern am Baileys Chute die Lachse beim Springen an. Das klingt jetzt vielleicht etwas esoterisch, aber den riesigen Fischen auf dieser letzten Etappe ihrer anstrengenden Wanderung zuschauen zu dürfen ist irgendwie... inspirierend.
Das erste Mal dumpen bringen wir dank genauer Anleitung von Fraserway und trotz einigem Gezanke gut über die Bühne und erreichen am frühen Nachmittag den Clearwater Lake CG, unseren Stellplatz für die kommenden Tage. Es wird der Stellplatz sein, der sich auch im Rückblick am meisten nach "Zuhause" anfühlt. Nach einer leckeren Brotzeit unter grauem Himmel zum Sound des rauschenden Flusses laufen wir zum See, wo wir uns bei den Clearwater Lake Tours über Kanu Leihgebühren informieren. Eigentlich bin ich ja so richtig heiß auf unsere erste lange Wanderung, aber aus verschiedenen Quellen wird uns die geplante Kombination von Lakeshore Trail, Easter Bluff und Chain Meadows Lake Trail nicht empfohlen ("Don't do the full loop, the backside sucks"). Wir sind hin- und hergerissen zwischen Wandern und Kanufahren und entscheiden uns dann doch für Option Nummer 3: die ganztägige Bootstour über Clearwater und Azure Lake. Das ist zwar weniger sportlich (und wesentlich teurer) als wandern, aber das Geburtstagskind hat entschieden. Anschließend werde ich mit einer kurzen Wanderung zum Osprey Falls Lookout, Dragons Tongue und Sticta Falls entschädigt. Hier gefällt es uns prima, vor allem der schwarze Lavaschlund der Dragons Tongue und die kleinen, aber wilden Sticta Falls laden uns zu längerem Verweilen ein. Aber es ist eben auch unsere erste Wanderung im Bärengebiet und wir sind entsprechend... nervös. Sehr nervös. Als wir dann aber beide beim Rascheln eines Squirrels im Unterholz heftig zusammenzucken, müssen wir auch mal über uns selber lachen. Rückblickend können wir über diese Erfahrung nur noch den Kopf schütteln, denn so garantiert bärenfrei wie in diesem Wald war es ansonsten wohl nirgendwo anders. Den aufregenden Tag lassen wir am Lagerfeuer unter einem langsam aufklarenden Himmel ausklingen.

10.09. Arcadia
Eigentlich bin ich versucht, diesen Tag entweder auszulassen oder mir irgendetwas zusammenzulügen, aber das ist ja nicht Sinn der Sache. Es wird aber trotzdem ein kurzer Bericht bleiben, denn manche Dinge kann man einfach nicht in Worte fassen. Was folgt, ist einer der schönsten Tage unserer Reise. Wir können jedem von ganzem Herzen empfehlen, die Bootstour zu machen und hoffen andererseits, dass der Ort möglichst wenig überlaufen bleibt. Denn dass Azure Lake zu einer Touristenattraktion wie Lake Louise würde, ist ein unerträglicher Gedanke. Die Tour startet pünktlich um 10:30. Wir sind acht Teilnehmer, plus unser Captain und Guide Theo und ihr Hund Maple. Die maximale Teilnehmerzahl ist zwölf. Wir nehmen also die insgesamt 44 km in Angriff, wobei wir immer wieder stoppen und Theo Interessantes über die Geschichte des Parks, über Flora und Fauna erklärt und auch ein paar Kuriositäten zum Besten gibt. Zum Beispiel die Geschichte der Trapper Brüder, deren Flugzeug noch immer auf dem Grund des Sees liegt und deren Hütte auch immer noch am Strand der Rainbow Falls begutachtet werden kann. Am nordöstlichen Ende des Azure Lake angekommen erwartet uns Karibikflair mit weißem Sand vor kanadischem Bergpanorama. Wir wandern durch den Regenwald zu den Rainbow Falls, essen wilde Thimble Berries, fahren mit dem Kanu über den See und liegen einfach nur im Sand. Es sind die Stille und die Abgeschiedenheit, die uns am meisten berühren. Es ist einer dieser Momente, die sich uns eingeprägt haben und in die wir immer wieder gedanklich zurückreisen können, wenn es mal stressig wird. Wir nehmen uns vor, das nächste Mal ein paar Nächte hier am Strand zu verbringen und dann mit dem Kanu zurückzufahren. Wir waren bestimmt nicht zum letzten Mal am Azure Lake.

11.09. On the Road again
Heute wollten wir ja eigentlich den Helmcken Falls Rim Trail in Angriff nehmen und noch eine Nacht im Wells Gray Park verbringen, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Da ein gewisser Jemand gestern die ganze Fahrt über im Bug gestanden und das Gesicht über die Windschutzscheibe rausgestreckt hat ist er jetzt ziemlich erkältet. Eine längere Wanderung fällt deshalb also flach und da passt es uns gut, dass uns der Pyramid CG auch nicht so richtig begeistern kann. Wir brechen die Zelte also einen Tag früher als geplant ab und machen uns auf den Weg nach Jasper. Bevor wir uns aber endgültig vom Wells Gray Park verabschieden, machen wir noch einen Abstecher zu den Moul Falls. Der Trail ist sehr schön angelegt und wir treffen bekannte Gesichter wieder. Die Moul Falls sind ein zwar recht niedriger, aber dafür umso schöner gelegener Wasserfall, der die Besonderheit bietet, dass man hinter den Fällen durch das ausgehöhlte Lavagestein hindurchlaufen kann. Das ist eine sehr nasse, glitschige und windige Angelegenheit, aber nach bestandenem Abenteuer grinsen wir wie zwei Honigkuchenpferde. Wir verlassen den Park mehr als zufrieden und mit der Erkenntnis, dass man hier auch locker mehrere Wochen mit Backcountry Camping verbringen kann. Unser erstes Wildnisabenteuer weitab der Zivilisation und ohne Handyempfang haben wir sehr gut gemeistert. Jetzt sind wir gespannt auf die Rockies. A propos Rockies: Gespräche mit anderen Campern bestätigen die Fernsehberichte, die uns noch aus Vancouver in Erinnerung sind: It's snowing in the Rockies! Der früheste Wintereinbruch in Calgary seit Jahren, da kann man sich ja ausmalen wie es in den Bergen aussieht. Naja, wir packen uns eben warm ein und hoffen auf einen Stellplatz mit Stromanschluss. Dank Felix Erkältung komme ich heute aber in den Genuss, zum ersten Mal unseren Super Duty zu fahren. I like it! Unleash the Beast, muhaha! Ich fange mir ein paar nervöse Blicke und Ermahnungen ein, fahre das Monstrum aber, wie ich finde, sehr gediegen. Spätestens auf dem Highway 16 sind wir ein eingespieltes Team. Hier kommen wir an ganzen drei Unfallstellen vorbei, an denen Holztrucks einen beachtlichen Teil ihrer Ladung verloren haben und sehen das erste Mal die Roadworker, die scheinbar nur dafür angestellt sind, um Slow/Stop Schilder hochzuhalten. Im Vergleich mit deutschen Bau- und Unfallstellen finden wir das irgendwie sehr pragmatisch und sympathisch. Beim Durchqueren des Mt Robson PP folgt ein weiteres Highlight der Reise: der ungetrübte Blick auf den namensgebenden Berg in der Abendsonne und: unser zweiter Schwarzbär! Diesmal haben wir ihn ganz für uns alleine und beobachten aus sicherem Abstand von der anderen Straßenseite. Der Kerl lässt sich aber auch von den vorbeirauschenden Trucks nicht stören und futtert seelenruhig seine Beeren. Als wir weiterfahren, huscht er über den Highway und verschwindet im Unterholz. Ich mache mir noch lange Gedanken über die Gewöhnung der Tiere an den Verkehr, aber Felix meint, ich solle mir nicht so viele Sorgen machen. Bei uns lungern die Rehe schließlich auch am Straßenrand herum. Wir werden langsam nervös, als die Dämmerung einsetzt und jeder Schatten am Straßenrand in unserer Vorstellung zu einem Tier wird, das sich vor uns auf die Straße werfen will. Endlich! Die Einfahrt zum Jasper NP. Schnell einen Jahrespass gekauft und um 21:00 Mountain Time der späten Stunde natürlich kein Platz mit Strom mehr verfügbar, also buchen wir zunächst nur eine Nacht und beschließen, morgen nochmal unser Glück zu versuchen.

12.09. Rain(Deer), Relaxing and Small Citylife
Der Tag beginnt wie der letzte geendet ist: mit Regen. Never change a running system. Aber wenigstens schneit es nicht. Felix opfert sich und zieht frühmorgens mit Regenjacke bewaffnet los zur Information, um sein Glück bezüglich des Stellplatzes zu versuchen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt er patschnass, aber triumphierend, zurück und streckt mir die Karte für unsere Campsite mit Full Hookup entgegen. Wir wollten zwar nur Electricity, aber was solls, dann logieren wir die kommenden zwei Nächte eben extra luxuriös. Das Glück hatten wir übrigens nur, weil aufgrund des miesen Wetters viele Camper ihre Reservierung abgesagt haben. Die Warmduscher. Gut für uns, denn auf dem Weg zum neuen Zuhause begegnen wir auch den Wapitis, für die der Platz ja berühmt ist. Hier ist Vorsicht geboten: es ist Brunftzeit und wir sind froh, dem Bullen nicht in die Quere zu kommen. Die riesigen Hirsche sind aber auch ziemlich beeindruckend. Nur die Geräusche, die sie von sich geben, wollen so gar nicht zu ihnen passen. Das klingt eher nach schlecht geölter Tür als nach Alphamännchen und bespaßt uns für den Rest des Morgens. An der neuen Campsite angekommen heizen wir erstmal den Camper ordentlich auf und vertrödeln den Vormittag. Lesen im Bett und aus dem Fenster Wapitis beobachten hat ja auch was für sich. Als der Regen nachlässt, fahren wir zuerst zu den Duschen, uns entwildern; denn der Sea-to-Sky Highway und der Wells Gray Park haben uns ganz schön verwahrlost zurückgelassen. Wieder frisch und ansehnlich geht's auf nach Jasper City. Das Städtchen gefällt mir sehr gut, obwohl es hier so touristisch ist und gerade weil es eigentlich nur zwei nennenswerte Straßen gibt. Wir schlendern, bummeln und Felix besteht darauf, seine Kindheitserinnerungen im "Candy Bear's Lair" aufzufrischen. Ein zufälligentdeckter Waschsalon bringt die Entscheidung zumindest die knapper werdende Unterwäsche zu waschen. A very American experience. Dank WLAN und neu erstandenen Postkarten können wir hier auch das erste Lebenszeichen seit Vancouver nach Hause schicken. Abends erkunden wir den wirklich riesigen, aber doch sehr schönen Campground und fiebern unserer ersten großen Wanderung entgegen. Maligne Lake, wir kommen!

13.09. The Hiker's Guide to Bear Country

Oh ja, endlich wandern! So richtig den ganzen Tag raus in die Natur und die Füße zum qualmen bringen. Wir haben so richtig Bock und deshalb zerre ich Felix auch total aufgeregt beim ersten Dämmerlicht aus dem Bett. Wetter? Ist super. Die Wolken verziehen sich und es wird ein absolut toller, warmer Tag. Beste Bedingungen also. Ein ausgiebiges Powerfrühstück, Planung und Vorbereitung fressen leider mehr Zeit als erwartet und so kommen wir doch später los als erwartet. Egal! Dafür kann ich auf dem Weg Richtung Maligne Canyon meine Racer Qualitäten zeigen. Felix wird bei meinem etwas rasanten Kurvenkunststück (ich wollte die grüne Ampel noch erwischen) etwas panisch, aber ich finde er soll sich nicht so anstellen. Am Canyon angekommen, erwartet uns schon ein voller Parkplatz. So ein Mist! Das nächste Mal dürfen wir echt nicht so lange trödeln. Aber den Großteil unserer Mitwanderer verlieren wir auf dem Weg hinunter zur 4th Bridge (die 5th Bridge ist gesperrt). Die meisten scheuen wohl den Aufstieg. Die zunehmende Einsamkeit macht die rauschenden Wasserwirbel und bizarren Felsformationen noch eindrucksvoller. Zurück auf dem Parkplatz gibt's einen kurzen Kleidungswechsel, denn es ist wunderbar warm geworden, und dann auf zum Maligne Lake! Auf dem Weg treffen wir nicht nur zwei vorwitzige Bighorn Sheep, die sich vom Verkehr nicht beeindrucken lassen, wir kommen auch am faszinierenden Medicine Lake vorbei. Einen längeren Stopp heben wir uns für den Rückweg auf, in der Hoffnung, dass dann weniger los sein wird. Das letzte Stück Weg hält eine schöne Überraschung bereit: eine Elchkuh, die abseits der Straße in einem Teich badet. Wir bewundern das Naturschauspiel voller Ehrfurcht und ärgern uns umso mehr über die langen Fotoobjektive, die Blitze und die anhaltenden Touristenbusse. Das wird uns schnell zu bunt, der Elchkuh auch, und wir huschen weiter. Nach ewiger Parkplatzsuche endlich am Maligne Lake angekommen, sind wir... naja, ernüchtert. Der See ist schon schön, aber so richtig kann ich die ganze Aufregung nicht verstehen. Um den Touristenmassen zu entkommen, wollen wir den Opal Hills Loop Trail wandern. Nach Erkundigung bei ortskundigen Besuchern bestätigt sich unsere Vermutung, dass es ein hartes Stück Arbeit wird. Besonders die Aussagen "you're gonna be in snow much of the time" und "the trail is frequented by grizzlies, but it should be open again" lassen uns kurz an unserem Vorhaben zweifeln. Bei dieser Gelegenheit lernen wir auch den recht eigenwilligen Humor der Kanadier in Bezug auf Bären kennen. "Which one of you is the faster runner?" fragt uns einer der Anwesenden mit einem breiten Grinsen. "I'm afraid that's him" lautet meine Antwort und ich zeige auf Felix. Der Witzbold klopft mir auf die Schulter und kontert: "Don't worry, just kick him in the knee and keep running." Mit diesen herzlichen Ratschlägen machen wir uns auf Richtung Trailhead.[...]

14.09. Mountains, Ice and Stars

Heute verlassen wir Jasper und den Whistlers CG in Richtung Icefields Parkway. Zuvor nehmen wir aber die Gondel auf den Whistlers Mountain. Fun Fact: Für den Fußweg zum Gipfel benötigt der durchschnittliche Hiker 4-5 Stunden. Den Rekord hält ein nepalesischer Sherpa, der den Trail in 45 Minuten mit 60 Kilo Gepäck gelaufen ist. Dafür müssen wir noch etwas trainieren. Uns reicht heute schon der Aufstieg von der Station zum Gipfel, wo wir das Rundumpanorama genießen. Vor allem die Vogelperspektive auf den nördlichsten Abschnitt des Icefields Parkway nährt unsere Vorfreude, also nichts wie los, back on the road! Bevor wir aber die berühmteste Bergstraße Kanadas befahren, machen wir einen Abstecher auf die alte Road #93A und zur Mt Edith Cavell Road. Auf der engen, steilen Bergstraße wird uns schon manchmal Angst und Bange, aber unser vergleichsweise kleiner Camper meistert den Aufstieg trotz Gegenverkehr tadellos. Am Ende des kurzen Path of the Glacier Trail erwarten uns Edith Cavell und Angel Glacier mit zugehörigem Glacier Pond. Bei dem eisblauen Wasser mit den großen Eisschollen fühlt man sich fast ans Polarmeer versetzt. Hier ist einiges in Bewegung, wir sehen und hören Geröll- und Eisabgänge. Einer reißt fast zwei Hiker mit, die sich trotz Sperrung auf den gegenüberliegenden Trail zur Gletscherflanke gewagt haben. Die haben nochmal eine ordentliche Portion Glück gehabt. Aber auch wir sind etwas leichtsinnig und klettern übers Geröll runter an den Rand des Gletschersees. Die Geröllabhänge künden von der Gefahr, die abseits der Wege lauert. Ein großer Eisabgang hatte hier erst 2012 große Teile des Tals überflutet. Deshalb verweilen wir auch nur kurz am Ufer und machen uns dann auf den Rückweg. Bevor wir auf den Icefields Parkway auffahren, schauen wir uns noch die sehr schönen Athabasca Falls an. Schon bald schlägt uns die Landschaft in ihren Bann und wir machen gefühlt mehr Fotstopps als Kilometer. Aber genauso solls ja auch sein. [...]

15.09. Mountain Sound
Der Plan, den Wilcox Creek Trail zu laufen und das Columbia Icefield von oben zu betrachten, wird durch meine über Nacht herangeflogenen Halsschmerzen zunichte gemacht. Die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht scheinen mir doch etwas zu schaffen zu machen. Wir fahren also direkt zum berühmten Athabasca Glacier. Hier sind wir beide bestürzt; vor allem Felix wird der Rückgang des Gletschers im Vergleich mit seinen Kindheitserinnerungen schmerzlich bewusst. Die Gletscherschmelze stimmt uns nachdenklich, auch, da die Frischwasserversorgung Nordamerikas zu nicht unerheblichen Teilen von der Existenz der Gletscher abhängt. Die Eindrücke lassen auch unseren nicht gerade ressourcenschonenden Trip für uns nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Auf das zweifelhafte Vergnügen, mit den riesigen Bussen übers Eis zu fahren, verzichten wir. Leider stellt sich auch das Icefield Center als Enttäuschung heraus, dafür haben wir aber großen Spaß mit den vorwitzigen Raben, die unseren Truck Camper entern. Nach dem kleinen Ausflug ist meine Gesundheit auch so weit wiederhergestellt, dass wir den spektakulären und nicht sehr steilen Parker Ridge Trail laufen können. Die Aussicht vom sehr windigen Bergkamm ist unglaublich und den komplett unerschlossenen Saskatchewan Glacier, einen der drei Arme des Columbia Icefield, finden wir noch viel beeindruckender als seinen berühmten Nachbarn. Und auf dem Rückweg gibt's sogar eine Murmeltiersichtung inklusive. Über die Schönheit der uns umgebenden Bergwelt vergessen wir ganz die nahen Panther Falls und fahren weiter auf den schönsten Abschnitt des Parkway. Die Landschaft schlägt uns hier völlig in ihren Bann; man ist hin und hergerissen zwischen visueller Übersättigung und Nicht-Sattsehen- Können. Die Mittagspause verbringen wir am Ufer des Lower Waterfowl Lake, vor einem Bad kneifen wir aber. Schon nur die Füße abzukühlen kostet Überwindung. Wir trauern hier einem weiteren schönen Camprground nach, der leider in der Off-Season geschlossen ist.[...]

16.09. Beautiful Louise
Nach einer unruhigen Nacht, Felix machen die vorbeirauschenden Züge zu schaffen, mir eher das Pilotprojekt Heizung bei Nacht, stehen wir früh auf, um noch vor den Massen am Lake Louise einzutreffen. Der Plan geht auf, ungewaschen und dank Minimalfrühstück rollen wir im Morgenlicht auf den fast leeren Parkplatz. Ich muss zugeben, dass der See wirklich beeindruckend ist. Da kann ich den Hype verstehen. Eingekeilt zwischen zwei Bergen und dem ihn speisenden Gletscher liegt er spiegelglatt im Morgenlicht. Weniger gefallen mir die breite Uferpromenade und das wirklich hässliche Chateau. Pünktlich als die ersten Busladungen Massen an Touristen ausspucken machen wir uns auf den Weg am See entlang. Die hintere, zwischen den Bergen eingekeilte Spitze des Sees mit ihrem kleinen "Strand" aus Schlitt gefällt mir noch besser. Wir machen uns an den Aufstieg zum grandiosen Plain of Six Glaciers Trail, der uns völlig begeistert. Als wir aus den bewaldeten Abschnitten an die kahle Felswand kommen, erwartet uns eine Riesenüberraschung: Mountain Goats! Eine ganze Familie friedlich am Wegesrand grasend und eine weitere hoch oben in der Felswand. Wir sind hin und weg, denn die weißen, flauschigen Gesellen wollten wir unbedingt sehen. Weiter geht es auf dem zunehmend schwieriger werdenden Pfad zum Viewpoint. Auf dem letzten Stück verschwindet der Trail in einem Geröllabhang und wir beneiden alle Hiker mit Wanderstöcken. Aber die Mühe lohnt sich; die wohlverdiente Pause mit Aussicht auf die umgebenden Gletscher und den Abbots Pass ist spektakulär. Und tief unten funkelt der See. Gekrönt wird der Aufenthalt von der Geschichte über die Abbots Hut, die Schutzhütte am höchsten Punkt des Passes, für deren Konstruktion Anfang des 20. Jahrhunderts extra Bergführer aus der Schweiz eingeflogen wurden. Geschichten von schweizer Bergsteigern in Kanada werden uns noch öfter begegnen und diese wird nur noch besser dadurch, dass sie von einem schweizer Ehepaar erzählt wird. Wir können hier noch einen massiven Schneeabgang am Hang beobachten; auch hier sind die Gletscher in Bewegung. Auf dem Rückweg kommen wir mit einem Ehepaar aus Washington ins Gespräch. Die Frau beeindruckt uns mit ihrer Begeisterung fürs Wandern, trotz doppelter Knie-OP und künstlichem Gelenk. Sie meint, man müsse Dinge halt einfach tun und wenns ein bisschen zwickt, dann solle man das hinnehmen. Diese Einstellung imponiert uns sehr und spornt uns auf dem anstrengenden Aufstieg zum Big Beehive nochmal richtig an. Wir werden mal wieder mit grandioser Aussicht belohnt und genießen unsere Rast so weit oben. Die bettelnden Chipmunks und Greyjacks lassen wir abblitzen, was zumindest seitens der Vögel mit lautem Gemecker quittiert wird. Höhepunkt ist ein in etwa zwei Metern Entfernung vorbeiziehender Adler auf Beuteflug. So nah habe ich noch nie einen gesehen. Der Anblick macht auch dem Betteln der Chipmunks ein Ende, die blitzartig verschwinden. Nach Eintrag ins Geo Cache Logbuch steigen wir ab zum schönen Lake Agnes, wo sich der Schnee tapfer hält und über Mirror Lake zurück zum Lake Louise. Heute Nacht wird es auf dem Campground so richtig zippe zappe duster. So, dass man die eigene Hand nicht vor Augen sieht. Irgendwie schaffen wir es, uns gegenseitig verrückt zu machen und jeder Weg aus dem Camper wird trotz Außenbeleuchtung zur Nervenprobe. Fast beneiden wir die Zeltcamper um ihren Elektrozaun. Aus dieser Nacht stammt auch unser seitdem liebstes doofes Wortspiel: Always be prebeared because the night can be very very beary.

17.09. Grizzly Country and Hiking Partners
Heute besuchen wir den nicht ganz so heimlichen Star des Banff Nationalparks. Der Moraine Lake soll ja mittlerweile schon beliebter sein als Lake Louise und das bekommen wir auch zu spüren. Aufgehalten vom kaum vorhandenen Wasserdruck auf dem Frischwasserschlauch und vom fehlenden Wasser an der Dumpingstation erreichen wir den See viel zu spät. Alles vollgeparkt! Aber zum Glück sind wir ja in einem hybriden Auto unterwegs und parken ganz frech abseits der RV Parkplätze. Heute wollen wir auf dem Sentinel Pass Trail wandern und hoffen, geneigte Mitwanderer zu finden, denn hier ist wirklich Grizzlygebiet und das Wandern in Gruppen unter vier Leuten verboten. Zum Glück treffen wir ein Paar wieder, das schon auf dem Mount Whistler ein Foto von uns geschossen hatte. Annika und Gus aus London wandern mit uns. Es geht hinauf durch dichten Wald bis zu einer Ebene mit grandioser Aussicht auf die Ten Peaks. Dann weiter durch einen Märchenwald aus Larch Trees, die jetzt in voller gelber Prachtstehen. Oben angekommen erwartet uns ein alpines Tal mit zwei schönen Seen und der Rest des schmalen Trails an der Felswand entlang. Am höchsten Punkt des Trails genießen wir die Aussicht auf das Paradise Valley und die Berge und sind stolz auf die 725 geschafften Höhenmeter. Auf dem Weg nach unten rutsche ich aus und fast den Abhang runter. Das ist gerade nochmal gutgegangen. In Deutschland hätte dieser Trail bestimmt ein Geländer und 100 Warnschilder. Aber kanadische Trails sind eben ohne doppelten Boden und das gefällt uns auch sehr gut. Auf dem Abstieg wird's nochmal sehr anstrengend für die Knie und dann sind wir schon zurück am Ufer des Moraine Lake. Wir verabschieden uns von unseren tollen Wanderpartnern und fahren über den Bow Valley Parkway Richtung Banff. Wir erwarten, dass jeden Moment ein Grizzly aus dem dichten Wald am Straßenrand auftaucht. Das würde uns jetzt auch viel besser gefallen als noch vor ein paar Stunden auf dem Trail. Aber Meister Petz macht sich leider rar und auch der Johnston Canyon CG ist schon geschlossen, deshalb fahren wir direkt nach Banff. Leider entpuppt sich der Tunnel Mountain Village CG als hässlichster der Reise, in Reih und Glied stehen die RVs hier auf Asphalt. Am störendsten finde ich aber die Nachtbeleuchtung, die den letzten Rest Wildnisfeeling noch zunichtemacht. Wenigstens muss man sich hier aber nicht vor nächtlichen Bärenübergriffen gruseln. Oh, und noch etwas stößt uns an dem Campground sauer auf. Schon in Jasper und Lake Louise war uns aufgefallen, dass beim Einchecken nach unserer Herkunft gefragt wurde. Wir hatten das bis jetzt für statistische Notwendigkeit gehalten, aber hier sind wir tatsächlich nur von Deutschen umgeben, während ein paar "Straßen" weiter ausschließlich Englisch gesprochen wird. Zufall? Wohl kaum. Wir wittern Verrat und finden diese Praxis, sollte sie denn wirklich existieren, einfach nur erschreckend. Das schöne Bergpanorama, eine saubere Dusche und die warme Nacht am Lagerfeuer können uns aber etwas besänftigen. Trotzdem werden wir die Zelte hier morgen wieder abbrechen.

18.09. City in the Clouds
Ach Banff! Traumhaft gelegen ist es, das größere und mondänere Pendant zu Jasper. Gefällt uns aber auch ziemlich gut. Hier leben wir die Touristen in uns aus, kaufen T-Shirts und lassen uns treiben. Verunsichern tun uns nur die vielen Zettel in den an der Straße abgestellten Autos. Parktickets? Aber wo kann man die kaufen? Es dauert etwas bis wir begreifen, dass es Nationalparkpässe sind, nur eben keine Jahrespässe. Die schönste Erinnerung an Banff ist die an die "The Wild Gallery & Gifts", welche ausschließlich Fotografien des kanadischen Naturfotografen Jason Leo Bantle ausstellt und verkauft. Wir verbringen hier wahre Ewigkeiten und geraten in einen Shoppingwahn, überaus nett beraten von der Galeristin, die zu jedem Motiv und abgebildeten Tier etwas erklären kann. Mit schweren Taschen und leichten Geldbeuteln schauen wir uns das schöne Banff Springs Hotel an. Wir ziehen unseren Camper aber trotzdem dem Luxus vor. In ebendiesen Camper müssen wir auch bald flüchten, denn es beginnt zu schütten wie aus Eimern. Wir beschließen, schon heute unser Glück auf dem Kicking Horse CG im Yoho NP zu versuchen und damit die letzte Etappe unserer Reise durch die Rockies zu beginnen. Die Spiral Tunnels sind leider durch den dichten Regen nicht zu erkennen, dafür ergattern wir noch einen schönen, ruhigen Platz auf dem schon gut gefüllten Campground. Beeindruckt hat uns heute auch die ursprüngliche, wilde Landschaft selbst am Transcanada Highway. Undenkbar bei einer deutschen Autobahn. Und auch die Wildlife Crossing Brücken finden wir sehr clever. Auf eine unschöne Begegnung mit kanadischen Wildtieren auf der Straße wollen wir nämlich gerne verzichten.

19.09. Somewhere... under the Rainbow
Wir haben beim Aufwachen ein Deja Vu von unserer Ankunft in Jasper vergangene Woche: Regen, Regen, Regen. So langsam beginnt der Campingplatz sich aufzulösen. Wir lassen uns also wieder gaanz viel Zeit, aber als es gegen Mittag kein Stück nach einer Wetteränderung aussieht, fahren wir dann doch Richtung Takkakkaw Falls. Wir wären in der Nähe der Fälle ja vermutlich eh nass geworden. Ein Highlight auf unserem Hinweg sind die riesigen Wohnmobile, die die enge Straße rückwärts herunter manövrieren müssen. Ein Glück sind wir minimalistischer unterwegs. Unser Truck Camper passt zu uns, das zeigt sich in solchen Situationen immer wieder. Von den Takakkaw Falls sind wir sehr beeindruckt. Vielleicht liegt es am Regen, aber man spürt, dass da Druck dahinter ist. Fasziniert von dem Schauspiel nehmen wir unsere Umgebung gar nicht wahr und plötzlich gibt es ein großes Hallo. Wir stehen neben Annika und Gus, unseren Wanderpartnern vom Sentinel Pass. Man trifft sich eben doch immer zweimal und auch Kanada kann manchmal ziemlich klein sein. Die beiden fliegen morgen wieder nach Hause und wir kommen nochmal ins Gespräch über die Dinge, die wir gesehen haben und was für den nächsten Urlaub aufgehoben werden muss. Sehr schnell kommt unser Gespräch auf Lake O'Hara, den berühmten See, den dank "Quotenregelung" so wenige zu Gesicht bekommen. Auch wir haben den Besuch nicht eingeplant, da wir nicht genau wissen konnten (oder vielmehr wollten) wann genau wir im Yoho NP sein würden und deshalb den Bus nicht reservieren konnten. Als die beiden uns aber erzählen, dass man nur zu Fuß hinkommen muss und den Bus zurücknehmen kann, sind wir angefixt. Aber so richtig. Wir verabschieden uns herzlich und fahren zum Visitor Center in Field, wo uns die Aussage bestätigt wird. Wir lassen uns trotz Begeisterung aber noch etwas Zeit mit der Entscheidung und fahren erstmal weiter zum Emerald Lake. An der Natural Bridge haben wir einen wunderschönen ruhigen Moment ganz für uns alleine, bevor der nächste Reisebus auf den Parkplatz rollt. Nichts wie weiter zum See, der uns mit spektakulärem Panorama und nachlassendem Regen belohnt. Hier gibt Mutter Natur wirklich ihr Bestes. Gerade als wir den Rundweg um den See starten reißt der Himmel ein Stück auf und schenkt uns den perfekten Regenbogen. Wir haben noch nie einen schöneren gesehen. Und gerade als wir denken, es könne nicht besser werden, beginnen die Farben sich im See zu spiegeln und es entsteht ein perfekter, elliptischer Regenbogen. Unfassbar! Wir sind mit unserer Begeisterung nicht alleine; ein paar Schritte weiter ertönen die Begeisterungsschreie einer japanischen Reisegruppe, die sich gar nicht wieder einkriegen können. Da war jemand für die Fotosession zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir bestaunen das Schauspiel noch bis die Farben verblasst sind und genießen dann die Stille und Einsamkeit auf dem Rundweg. Stille? Ruhe? Frieden? Die sind natürlich relativ wenn man mit jemandem reist, dessen motorische Fähigkeiten auf dem Level eines Kleinkindes stehengeblieben sind. Jetzt sind wir in den vergangenen Tagen so viele schwierige Trails gelaufen und ausgerechnet hier erwischt es mich. Der Matsch ist meine Nemesis. Ich rutsche auf einer glitschigen Holzplanke aus und es haut mich längs auf den Rücken. Volle Breitseite. Danach sehe ich aus wie etwas, das aus den Tiefen eines B-Horrormovies gekrochen ist. Da nach diesem Erlebnis keiner von uns beiden mehr Lust hat, sich hinter den Herd zu klemmen, mache ich mich im Camper notdürftig gesellschaftsfähig und wir dinieren in der noblen Emerald Lake Lodge. Man gönnt sich ja sonst nichts. Wir würden auch wiederkommen, aber nur für den guten Wein, das selbstgebackene Brot und den unglaublichen Nachtisch. Für den Rest ziehen wir Burger und Pommes vor. Dafür gibt das Abendessen aber auch Raum, über unsere Pläne für Lake O'Hara zu diskutieren. 11 km laufen um zu einem See zu kommen und dort noch mehr zu laufen? Auf einen kurzfristig freigewordenen Platz im Bus hoffen wir nicht wirklich, da morgen Samstag ist und das Wetter phänomenal werden soll. Der Plan ist eigentlich völlig bekloppt und vielleicht ist es der Wein, der mich meine Hiking Skills total überschätzen lässt. Aber ich beschließe, dass wir den See auf jeden Fall sehen müssen. Wer weiß ob und wann wir wiederkommen. Also huschen wir schnell zurück zum Campground. Denn morgen heißt es: der frühe Vogel... naja ihr wisst schon. Lake O'Hara, you better be worth it!

20.09. Pearl of the Rockies
Pünktlich um 6:15 reißt uns der Wecker aus dem Schlaf. Au weia. Aber die Vorfreude vertreibt bald die Müdigkeit, wir packen unsere Verpflegungspakete und los geht's! Auf dem Parkplatz angekommen, bestätigt sich unsere Vermutung: alle drei wartenden Schulbusse sind voll belegt. Macht nichts, auf die Morgenwanderung hatten wir uns ja eingestellt. Im Schlepptau dreier fröhlicher Japaner machen wir uns auf den Weg. Wir sind die einzigen, die die Straße zu Fuß in Angriff nehmen. Wir schlagen uns tapfer und folgen dem breiten Weg durch dichten Wald und vorbei an moorähnlichen Lichtungen. In der Ferne leuchten die Berge in der Morgensonne, dieser Anblick und die aufsteigenden Kilometermarker spornen uns an. Um 10:30 ist es geschafft, wir erreichen den Campground an der Straße. Die Camper sind von unserer Leistung ziemlich beindruckt und wir mächtig stolz. Wir folgen einem kleinen Trail durch dichten Wald zum Seeufer und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Lake O'Hara ist atemberaubend schön. Der Weg hat sich schon jetzt gelohnt. Als wir mehrere Gruppen mit Helmen und Kletterausrüstung beobachten kommen wir etwas ins Stutzen; möglicherweise reicht unser Können für die Gegend doch nicht aus? Im Day Shelter wird uns aber bestätigt, dass wir für unsere Pläne ausreichend ausgerüstet sind. Die Kletterer wollen den Abbots Pass, auf dessen Höhe Abbots Hut steht, besteigen. Moment mal... Abbots Pass...Abbotts Hut...das kommt uns seltsam vertraut vor. Richtig, es ist genau die Schutzhütte, die wir vier Tage zuvor vom Plain of Six Glaciers aus bewundert hatten. Wie klein die Rockies doch sein können! Wir nutzen die Gelegenheit, uns hier Wanderstöcke auszuleihen und machen uns an den Aufstieg zum Alpine Circuit, den der wanderbegeisterte Autor unseres Reiseführers als einen der besten Hikes in den Rockies ankündigt. Wir dürfen gespannt sein. Der 17 km Rundweg setzt sich aus den Teilstrecken Wiwaxy Gap, Lake Oesa, Yukness, Opabin Plateau und All Souls Prospect zusammen. Heute wird es so richtig anstrengend und fordernd. Wir haben Glück und finden einmal mehr nette Wanderpartner, die seit über zehn Jahren hierher kommen und uns mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ohne deren Hilfe hätten wir uns wohl noch ein bisschen schwerer getan, vor allem beim Überqueren der Boulderfelder. Gar nicht so leicht, den Trail hier nicht zu verlieren. Und es ist auch nett, ein paar Bilder von uns beiden zu haben, die nicht aus der leidigen Selfie Position geschossen sind. Für unsere Anstrengungen werden wir mit spektakulärem Höhenpanorama, Gletschern, spiegelklaren Seen und Pikas, kleinen mausähnlichen Bergbewohnern (uns erinnern sie auch an Chinchillas), belohnt. Bei einer Rast am Lake Oesa haben wir nochmal einen riesigen Schreckmoment: Am Berg gegenüber ereignet sich ein massiver Steinschlag, der Lärm ist ohrenbetäubend. Wir sind sehr besorgt und hoffen, dass niemand verletzt wurde. Und dass die Straße frei geblieben ist. Obwohl es zugegebenermaßen schlimmere Orte gibt, an denen man festsitzen kann. Die All Souls Hochebene lassen wir am Ende aus und wandern über das Opabin Seenplateau zurück zum Lake O'Hara. Wir genießen die Abendstimmung am See und kommen einmal mehr ins Gespräch mit vielen spannenden Menschen: Passüberquerern, Gletscherwanderen, Weltreisenden. Am besten gefällt uns die Geschichte von einer achtmonatigem Europareise im selbst ausgebauten VW Bus. Ganz voll mit Eindrücken von tollen Orten und tollen Menschen sehen wir mit Wehmut unserer letzten Woche entgegen. Zum Glück hat der Steinschlag die Straße verfehlt und es gibt auch keine Verletzten. So können wir gemütlich und zufrieden im alten, klapprigen Bus den Rückweg antreten.

21.09. Relaxing Day
Heute ist der einzige Tag unserer Reise, an dem wir mal so wirklich gar nichts tun. Wir fahren in Richtung Glacier NP, halten kurz am Rogers Pass Viewpoint und richten uns dann auf dem Illecillewaet CG (ja, der heißt wirklich so) häuslich ein. Das Wetter ist nochmal super, also lassen wir unsere gestressten Beine in der Sonne baumeln. Auf unserem wunderschönen Stellplatz direkt am Fluss fällt uns das Nichtstun gar nicht schwer. Abends grillen wir über dem Feuer (das haben wir viel zu selten gemacht) und lassen die letzten Wochen Revue passieren. Die Aussicht auf den Rückweg ist keine besonders schöne, aber wir wollen die letzte Woche nochmal richtig auskosten. Mal sehen, was uns noch erwartet.

22.09. You are still in Bear Country
Hier endet die Schönwetterperiode unseres Urlaubs endgültig. Der jetzt einsetzende Regen wird uns, mit kleineren Unterbrechungen, bis Vancouver begleiten. Aufgrund des Wetters und meiner immer noch protestierenden Beinmuskulatur schmeißen wir unsere Pläne um. Statt dem langen Glacier Crest Trail wollen wir lieber auf dem Great Glacier Trail wandern. Aber auch dieser Plan löst sich auf, als uns der Park Ranger erzählt, dass Hiker auf dem Trail vor kurzem eine Grizzlymutter mit Jungem gesichtet haben. Der Trail ist zwar noch nicht gesperrt, aber das Risiko ist uns zu zweit und ohne Bärenspray zu groß. Die Infotafeln mit Warnungen bezüglich früherer "violent encounters" zwischen Grizzlies und kleinen Wandergruppen tun ihr Übriges. Dafür schlendern wir durch die Ruinen des Glacier House, die sich kurz oberhalb des Campgrounds befinden. Hier stand Anfang des 20. Jahrhunderts ein Nobelhotel direkt an der ehemaligen Trasse der Pacific Railway. Das Glacier House erlangte bald Weltruhm und wurde zum Klettermekka der Rocky Mountains. Mit der Untertunnelung des Rogers Pass verlor es seinen Glanz, wurde 1925 geschlossen und 1929 abgerissen. Lange wandern wir durch die Überreste und fragen uns, wie es damals gewesen sein muss, als die umliegenden Berge noch unerschlossen und die Ausrüstung noch recht pragmatisch war. Wir haben einen riesen Respekt vor dieser Leistung.
Wir laufen noch ein Stück weiter zum Meeting of the Waters, werden aber nach Überquerung der Brücke abrupt aufgehalten. Grabespuren. Überall am Wegrand. Wir sind nicht sicher, welches große Tier sich hier zu schaffen gemacht hat, aber uns klingeln die Worte des Rangers noch in den Ohren: "If you see diggings, the bears are close. Leave the area immediately". Das muss man uns nicht zweimal sagen, wir wollten zwar Grizzlies sehen, aber nicht unbedingt so. Dafür wandern wir noch auf den Spuren der alten Schienentrasse am Rand des Campgrounds entlang und bewundern den riesigen Illecillewaet Gletscher aus der Ferne, bis uns die Bewässerung von oben zu bunt wird.

23.09. Goodbye to the Rockies
Wir fahren in Richtung Mt Revelstoke NP. Pünktlich als wir auf den Parkplatz des Loop Brook Trails rollen, reißt der Himmel etwas auf und wir bleiben auf der folgenden Wanderung trocken. Der informative Trail, der sich auf die Spuren der alten, gewundenen Eisenbahntrassen begiebt, gefällt uns von allen Kurztrails an diesem Tag am besten. Wir lernen etwas über die riesigen Schienenkonstruktionen, die die schwierigsten Gebiete und Avalanche Areas umgehen sollten sowie, ähnlich der Spiral Tunnels, das Maximalgefälle der Gleise auf 2,2 % reduzierten. Die Pacific Railway, finanzielle und politische Hindernisse, sowie den harten Alltag der Arbeiter. Wir wandern durch ein eindrucksvolles Avalanche Gebiet und haben spektakulären Ausblick auf einige der namensgebenden Gletscher des Nationalparks. Nachhaltig beeindrucken uns auch die Warnungen an Winterwanderer, da hier bei starkem Schneefall tatsächlich mit Artillerie Lawinen ausgelöst werden. Those crazy Canadians![...]
In Revelstoke nehmen wir die 26 km Fahrt über den Meadows-in-the-Sky Parkway in Angriff, da sich über dem Mt Revelstoke die Sonne zeigt. Das namensgebende Blumenmeer ist zwar schon verblüht, aber trotzdem genießen wir die leuchtenden Herbstfarben und die bizarr geformten Nadelbäume. Für weitere Wanderungen fehlt uns leider die Zeit und so fahren wir zum Williamson Lake, einem recht netten Komfortplatz mit Freibadatmosphäre, auf dem wir aber die Wildnis und Abgeschiedenheit sehr vermissen. Für Heizung und heiße Dusche nehmen wir das aber in Kauf, denn es regnet wieder apokalyptisch.

24. und 25.09. Long Way Back
Wir besichtigen das verregnete Revelstoke mit seinen vielen Bärenstatuen und genehmigen uns ein echt kanadisches Frühstück in einem kleinen Diner. Superlecker, aber um das angemessen zu verdauen hätten wir wohl mehrere Hektar Wald von Hand abholzen müssen. Schwerfällig machen wir uns auf zur letzten Etappe unserer Reise. Wir entscheiden uns für die Kombination aus Highway 23 und 6, die zwei kurze FaÅNhrüberfahrten vorsieht. Die sind kalt, windig, nass und trotzdem ein Highlight. Wir genießen die Ruhe auf der Straße und das Panorama der Arrow Lakes. Bei einem obligatorischen Pumpkin Spice Latte in einem tollen kleinen Cafe in Nakusp kommen wir mit einem deutschen Rentner ins Gespräch, der seit einigen Jahren mit seiner kanadischen Frau hier lebt. Beim Gespräch über doppelte Staatsbürgerschaft, Visa, Hausbau, bürokratische Hürden und kanadische Winter geraten wir mal wieder in Auswandererträume. Wer weiß, was die Zukunft bringt?
Unsere weitere Route führt uns durch die abgelegenen Monashee Mountains. Hier schwanken wir zwischen Natur und Hillbilly Horror und sind doch froh, als wir Vernon und die beeindruckende Uferpromenade des Okanagan Lake erreichen. Nahtlos anschließend an ein Villenviertel liegt der wunderschöne Ellison PP hoch über dem See. Hier sind ob des miesen Wetters nur circa zehn Plätze belegt und so können wir trotz später Ankunft in erster Reihe parken. Der Regen kann uns das Seepanorama im Abendlicht nicht verleiden. Ganz anders, aber auch toll, diese für uns neue Seite von Kanada.

Am nächsten Morgen mache ich Bekanntschaft mit den Hirschen, die den Campground bewohnen und die Büsche an unserer Site für ihr Frühstück auserkoren haben. Sie sind so gar nicht scheu und beobachten neugierig, wie ich auf kleinen Pfaden in den Klippen herumwandere und schließlich meinen Weg zum Seeufer finde. Ich setze mich im Nieselregen in den Sand und genieße Stille und Einsamkeit. Bald stößt Felix dazu und nach einem ausgedehnten Frühstück mit Meerblick brechen wir auf. An Kelowna fahren wir nur vorbei, da wir den letzten Tag in Ruhe auf einem schönen Campground nahe Vancouver verbringen wollen. Die Landschaft ändert sich mit zunehmender Entfernung zum See, es wird hügeliger und die Wolkendecke hängt tief über unseren Köpfen. Zwischen Merritt und Hope haben uns die Coast Mountains wieder, ein schöner, runder Abschluss unserer Reise, die zwischen Meer und Bergen begonnen hatte.
Als letztes Ziel vor Vancouver haben wir Harrison Hot Springs auserkoren. Der riesige See vor Bergkulisse erinnert uns beinahe etwas an Porteau Cove. Die privaten Campgrounds im Ort gefallen uns aber nicht und so fahren wir über die Schotterstraße hoch in den Wald oberhalb des Sees. Am Hicks Lake im Sasquatch PP schlagen wir unser Lager auf. Auch hier haben wir Glück und bekommen die letzte Site direkt am See. Leider können wir hier nur eine Nacht bleiben, denn morgen ist Freitag und das Wochenende soll nochmal tolles Spätsommerwetter bringen. War ja klar. Aber heute sind nur die zwölf Plätze am Ufer besetzt. Wir genehmigen uns ein Bier am Seeufer, verfeuern unser letztes Holz und sitzen noch lange draußen. Ein letztes Mal den Geräuschen der Natur lauschen. Wir werden es vermissen.

26.09. The last Day
Obwohl wir so richtig ausschlafen ist es immer noch neblig, als wir aufstehen. Es sieht aus, als wollte der Nebel die Bäume rund um den See verschlucken. Wir räumen unseren schönen Stellplatz und fahren zum Parkplatz am Hicks Lake. Von hier aus umrunden wir den See auf dem Ufertrail. Der schummrige Urwaldtrail führt durch dunkle Baumtunnel, vorbei an komplett bemoosten Stämmen über matschige Holzplanken. Diesmal fällt aber keiner hin. Überall glitzern Spinnennetze. Das regnerische Wetter tut der Stimmung hier keinen Abbruch, im Gegenteil. An einer schönen Picknick Area am Strand müssen wir leider Müll einsammeln. Durch die relative Nähe zu Vancouver und die große Beliebtheit zieht der Park anscheinend auch Menschen an, denen die Natur ziemlich egal ist. Das macht uns richtig sauer. Zur Belohnung gibt es für uns am letzten Tag aber noch eine dicke Überraschung. Gerade haben wir es uns am Ufer bequem gemacht, da bewegt sich etwas Großes im Wasser. Was ist das denn für ein riesiger, seltsamer Fisch? Ist kein Fisch, es ist ein Bieber! Da nutzt das Wappentier des Landes die Gelegenheit, sich noch einmal ganz persönlich von uns zu verabschieden. Er paddelt herum, sammelt Treibholz und scheint sich einen Spaß daraus zu machen, die Wasservögel zu verscheuchen. Wir sind begeistert, und ganz schnell ist er mit einem leisen Platsch auch wieder verschwunden.
Nachdem wir einen Platz am Ufer des kleineren Deer Lake gefunden haben, flüchten wir vor dem wieder einsetzenden Regen in den Camper. Mit dem Park Ranger unterhalte ich mich über die kommende sechsmonatige "Regenzeit" an der Pazifikküste, was meinen Abschiedsschmerz doch etwas lindert. Am Abend fahren wir runter in den Ort, wir wollen den Abend im "Old Settlers Pub" ausklingen lassen. Uns kommen viele RVs entgegen und uns schwant nichts Gutes, was die Platzauslastung betrifft. Beim abschließenden Burgeressen mit vollem kanadischem Sportprogramm stoßen wir noch einmal auf einen tollen Urlaub an. Ein gebührender Abschluss.
Leider ist die Freude nicht von langer Dauer, denn bei unserer Rückkehr müssen wir feststellen, dass unser Stellplatz von einer Gruppe bereits sehr betrunkener Kanadier gekapert wurde. Da diese auch noch den gesamten Campground trotz fortgeschrittener Stunde mit Musik beschallen, flüchten wir Richtung Hicks Lake. Es wird noch einmal bizarr, als unsere Scheinwerfer einen Mann erfassen, der völlig reglos mitsamt Axt in der Hand neben den Plumpsklos steht. Horrorfilmatmosphäre. Nichts wie weg hier!
Am Hicks Lake ergattern wir den gefühlt letzten Stellplatz, der Campingplatz hat sich zum Bersten gefüllt. Wir erklären dem vorbeifahrenden Park Ranger, dass wir für heute schon bezahlt haben und wollen danach nur noch ins Bett, denn es ist schon spät. Aber was wäre der letzte Abend ohne letzten Alarm? Beim Zuschließen des Autos erwischt Felix den mysteriösen Alarmknopf und unser Truck bricht in ohrenbetäubendes Gehupe aus. Das kann leider nur behoben werden, indem man den Schüssel in die Zündung steckt. Es dauert gefühlte Stunden und dann herrscht abrupt Stille. Aber nur kurz. Irgendwo in der Nähe fangen Hunde an zu bellen nur unterbrochen vom Weinen eines Babys. Wir verschwinden schnell in unseren Truck Camper, bevor uns eine wütende Mutter lyncht. Unseren Nachbarn im Zelt sind bestimmt die Ohren weggeflogen. Nachdem wir aufhören können zu lachen, legen wir uns schweren Herzens in unsere gemütliche Schlafhöhle - zum letzten Mal.

27.09. There and Back again
Wir erwachen unter einem wolkenlosen Himmel. Well played, Canada! Beim Zusammenpacken und letzte Essensreste zu einem Wegbrot zusammenstellen bricht nochmal kurz Hektik aus. Aber wir schaffen es, den Campground relativ leise zu verlassen. Ein letztes Mal dumpen und schon sind wir auf dem Weg nach Vancouver. Kurz vor Annacis Island folgt natürlich die unvermeidliche Detour. Wir brauchen eine Weile, um den richtigen Weg zu finden. Die Abgabe des Campers verläuft dafür aber problemlos, professionell und freundlich. Ich bin zwar todtraurig, als unser Truck Camper von Fraserway Mitarbeitern vom Platz gefahren wird, aber der Blick aus dem Shuttle auf Vancouver muntert mich wieder etwas auf. Wir haben noch viel Zeit am wunderschönen Flughafen und beginnen den Rückflug ganz entspannt. Aus dem Fenster zeigt sich Vancouver nochmal in ihrer ganzen Pracht. Wir verabschieden uns mit letzten unvergesslichen Eindrücken - und heftigen Turbulenzen. Ein schönes Spiegelbild unserer Reise.
Und mit einer Gewissheit: Wir kommen wieder.