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Der HERR DER PISTEN

Es braucht Leidenschaft, um diesen Job gut zu machen. Und die hat Ben Rankin, der "Pistenmann" von Sunshine Village. Seit 27 Jahren fährt er die Hänge rauf und runter. Mit einer mächtigen Maschine und viel kanadischer Gelassenheit.
Text: Ole Helmhausen Fotos: Ole Helmhausen und Rainer Schoof


Was machst du, wenn du hier oben vor lauter Schnee nicht die Hand vor Augen siehst? Ben Rankin zögert keine Sekunde: "Wenn man 27 Jahre hier hoch und runter gefahren ist, erkennt man die Piste daran, wie sie sich anfühlt!" Das ist eine erstaunliche Aussage, schaut man sich die Größe von Bens Arbeitsplatz etwas näher an. Das Sunshine Ski Resort nahe Banff ist 1350 Hektar groß und hat über 100 Abfahrten mit einer Gesamtlänge von rund 200 Kilometern. Mit Höhen zwischen 2200 und 2700 Metern ist Sunshine nicht nur Albertas höchstes Skigebiet, sondern auch extrem schneereich. Gut zehn Meter der weißen Pracht werden hier pro Saison gemessen. Wie Ben also im Schneetreiben auf einer der 200 Pistenkilometer zuverlässig seinen Standort bestimmen kann, ist mir bestenfalls schleierhaft.
Ich treffe den jovialen Mittfünfziger mit dem freundlichen Lächeln unterhalb der Gondelstation des Sunshine Village. Er wird bei seiner Snowcat sein, meint einer seiner Kollegen und nickt zum Fuhrpark hinüber. Dort steht in Reih und Glied geparkt ein halbes Dutzend pieksauberer Pistenraupen. Vor einer steht der Mann, der mir als echtes Original beschrieben wurde, und begrüßt mich mit einem gewinnenden "Hi, I'm Ben!". Alles Weitere ergibt sich von selbst. Denn wer würde nicht gern wissen, was so eine Raupe alles kann und was ein Fahrer in einem hochalpinen Skigebiet wie Sunshine schon erlebt hat. "Kannst dich hinters Steuer setzen", lädt Ben mich ein, und dabei ist der Stolz auf dieses technikstarrende Monster nicht zu überhören. Mein erster Gedanke: Den ergonomisch geformten Sitz hätte ich gern in meinem VW. Der zweite: Starke Kiste. Ganz schön starke Kiste! Ben sieht die Ehrfurcht in meinem Gesicht und grinst: "Ist ein Pistenbully 400W von Kässbohrer. Aus deinem Heimatland!" Dann rattert er die technischen Daten herunter: 370 PS, 10.000 Kilo Gewicht, 6 Zylinder Reihenmotor mit Turbolader und 9 Liter Hubraum, 25 Liter Diesel pro Betriebsstunde, 20 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Genug Power, um bis zu vier Tonnen Schnee den Berg hochzuschieben und die Pisten schön zu machen. Wird es dennoch zu steil, tritt das knapp 1000 Meter lange Stahlseil an der Bugseilwinde in Aktion. "Das vertäue ich am nächsten Baum und seile mich dann schneefräsend ab", grinst Ben und freut sich erneut über mein beeindrucktes Gesicht. 13 Tonnen Zuglast hält das Stahlseil theoretisch aus. Vier davon kann Ben per Joystick abrufen. Doch ich frage lieber, ob ihm das Seil schon mal gerissen ist. "Yep. Auf dem Goat's Eye Mountain. Ich lag in meinem Pistenbully wie ein Astronaut beim Start seiner Rakete. Klang fies. Musste aussteigen und zu Fuß zurück nach Sunshine rutschen. Kein Spaß, so kurz vor Feierabend."
Ein normaler Arbeitstag mit dem motorisierten, 350.000 Dollar teuren Bergsteiger beginnt für Ben und seine Kollegen um 15 Uhr mit dem Treffen bei den Bergführern von Sunshine. Wie wird das Wetter? Gibt es neue lawinenträchtige Abschnitte? Wie hoch ist die Luftfeuchtigkeit? Besondere Vorkommnisse? Um 16.30 Uhr geht es dann mit insgesamt zehn Pistenbullys auf die drei Berge. Über Funk bleibt man in Kontakt und koordiniert die Pistenpräparierung. Um 24 Uhr ist man wieder zurück in Sunshine – wenn alles gut geht. Ich frage Ben, ob er schon einmal eine Lawine erlebt hat? "Yep", die erneut kurze Antwort. Doch dieses Mal lächelt er nicht. "War komisch. Eigentlich dramatisch. Der ganze Hang bewegte sich plötzlich. Ich bin dann auf der Lawine geritten. Oder gesurft, wie du willst. Dabei musste ich schneller sein als sie, um die Kontrolle über meine Maschine zu behalten. Am Ende machte der Motor schlapp und ich musste schon wieder zu Fuß zurück." Das Grinsen kehrt zurück in Bens Gesicht: "Habe ganz schön geflucht. Hatte ja nichts zu trinken mit!"

Zum Abschied fährt mich Ben hinab zur Talstation. Toll, das Fahrgefühl. Nichts zu hören von den 370 Pferdestärken. Ben erzählt von den Füchsen, die jede Nacht an den Pistenrändern auf ihn warten. "Die wissen, dass ich mit den Vibrationen im Boden die Mäuse aufscheuche. Schlaue Kerlchen, diese Füchse."