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Magische Orte
Orca Camp

Das Motorboot aus Port McNeill hüpft über die Wellen. Der Wind peitscht den Pazifik auf, so dass wir Mühe haben sicher anzulanden. Doch schon wenige Stunden später wird es still an dem unbewohnten Regenwaldstrand im Norden von Vancouver Island. Ich kann es kaum glauben - wir sind im Orca Camp! So viele Jahre schon planen Andy und ich diesen Trip. Bisher hat es nie geklappt.
Text: Rainer Schoof   Fotos: Rainer Schoof, Mirjam Schoof und Markus Knüpp

Die Saison im Orca Camp ist kurz. Und es war jahrelang immer das Gleiche: Entweder hatte ich keine Zeit oder mein Freund Andy hat es irgendwie nicht geschafft. Aber jetzt ist der Moment gekommen. Wir sind tatsächlich beide gleichzeitig im Orca Camp! Und das nun sogar mit un­seren Familien. Meine Frau Mirjam und unsere beiden Kinder Felix (10) und Anna (9) sind dabei. Genau wie mein Kollege Markus mit Frau Britta und den Kindern Helena (12) und Julius (9). Andy hat seine beiden Töchter mitgebracht, die Teenager-Zwillingsschwestern Sarah und Tiffany. Andys Frau Daniela konnte leider nicht mitkommen, dafür ist aber Andys Kumpel Franz mit seiner Tochter dabei. Franz kommt jedes Jahr aus München, um das Orca Camp mit Andy aufzubauen und für die neue Saison fitzumachen. Und schließlich ist unser alter Freund Bruce Maclean mit von der Partie - zusammen mit seiner Frau Nancy. Mit dem Besitzer des Sasquatch Inn​verbindet mich eine inzwischen fast 30-jährige Freundschaft. Wir haben ihn ins Orca Camp eingeladen. Als Geschenk zu seinem 60. Geburtstag.

Das Camp ist voll, alle sind da und wir lassen uns von Andy durch den Regenwald zu unseren Zelten führen. Erst einmal in aller Ruhe "einziehen". Denkste! Gerade habe ich meinen Rucksack vor dem großen Familienzelt abgestellt, da höre ich schon diesen gepressten Luftstoß - wie aus einer Pressluftpistole. Ich blicke Andy an und der grinst: "Orcas! Das übliche Willkommens-Komitee! Na lauft schon - Orcas sind wichtiger als Gepäck!"

Schnell die paar Schritte runter zum Strand - und tatsächlich - eine ganze Schule Orcas zieht vorbei. Zum Greifen nah. Unfassbar, direkt am Strand vorbei! Ich bin so perplex, dass ich fast vergesse, diesen Moment auf Film festzuhalten. Was für ein Start ins Orca Camp!

Die erste Orca-Aufregung ist verdaut und wir schaffen es doch noch, bei Tageslicht unsere Zelte zu beziehen. Die sind bequemer, als ich dachte. Klar, Zelt ist Zelt, wenn die Qualität stimmt. Doch mir ist wichtig, dass man zwei Ausgänge, genügend Belüftungsoptionen und einen einigermaßen großen Vorraum hat. In allen Punkten Daumen hoch für die Zelte des Camps. Bleibt die Frage, wie man sich bettet - und da bin ich nun wirklich positiv überrascht. Zunächst sind alle Zelte zentral auf jeweils eigenen Holzplattformen errichtet. Mitten im abschüssigen Regenwald liegt man in seinem Zelt also völlig eben. Zusätzlich befindet sich unter dem Zeltboden eine aus Einzelelementen zusammengefügte Gummimatte, so dass man gut und vor allem schmerzfrei auch auf den Knien im Zelt herumkriechen kann. Darauf liegt die breite Thermarest-Matte - definitiv die dickste, die ich je gesehen habe. Zusammen mit dem Schlafsack, der problemlos auch als Decke verwendet werden kann, und der angenehmen Stoffauflage der Matte ergibt das eine bequeme Schlafstätte. Gar nicht so weit weg vom Bett! Hmm, so detaillierte Gedanken habe ich mir doch früher nicht gemacht. Werde ich alt?

Auf dem Feuer grillt schon der frische Wildlachs neben saftigen Maiskolben, als wir uns abends alle am Strand einfinden. Es wird ein kulinarischer Genuss, aber die wichtigste Zutat ist die Szenerie um uns herum: Wir sind ganz allein. Mitten in der Wildnis. Am Rande des Regenwalds. An einem einsamen Pazifikstrand. Die Sonne geht unter, der Mond geht auf - und wir blicken über unser knisterndes Feuer hinweg auf den Pazifik. Wie soll einem das Essen da nicht schmecken? Und wer will es uns verdenken, dass wir schon an diesem Abend mehr Bierdosen aus dem kleinen Bach - "Beer Creek" genannt - herausfischen, als eigentlich für heute vorgesehen waren? Ich blicke vom Regenwald über den Strand auf das Wasser. Dann ins Feuer. Das ist Kanada für mich!
Morgens im Regenwald. Ich wache auf und alles um mich herum ist still. Irgendwo oberhalb am Hang höre ich ein leises Schnarchen aus einem der anderen Zelte - ich selbst kann es ja nicht mehr sein. Reißverschluss auf und einen ersten Schritt hinaus. Angenehm, dass man nicht in irgendetwas Unerwartetes oder Nasses tritt, sondern auf die ebene Holzplattform. Dann der Blick in den tiefgrünen Wald: Wow - unwirklich. Echt Wildnis. Mein Blick schweift hinüber zu unseren Handtüchern auf der Wäscheleine. Auch meine Schuhe, mit denen ich gestern beim Anlanden ins Wasser gehüpft bin, hatte ich zum Trocknen aufgehängt. Ein schneller Griff bringt Gewissheit: Alles klatschnass - hier im Regenwald trocknet nichts. Es regnet zwar nicht, aber trocken ist es auch nicht. Überall spürt man die Feuchtigkeit. Ich blicke hinunter zum Pazifik. Es sieht noch recht nebelig da unten aus. Klar, die Feuchtigkeit. Da muss man jetzt noch nicht runter, so mein noch leicht schläfriger, erster Gedanke. Doch plötzlich wieder dieser kurze Schuss aus der Druckluftpistole: "Ccchhhhhouu!" Schnell, zum Strand! Orcas! Am frühen Morgen! Mystisch im Morgennebel - und wieder ganz nah! Direkt am Kelp, das nur wenige Meter vor dem Strandufer treibt. Guten Morgen, Kanada!

Die Orcas ziehen vorbei und verschwinden im Morgennebel - sonst hätte ich mich wohl nur schwer von dem Anblick trennen können. So aber stapfe ich am Strand weiter in Richtung "Beach Café". Die große, laubenartige und komplett über­dachte Plattform ist quasi der Aufenthaltsraum des Orca Camps, wo sich neben zwei großen Picknicktischen auch alles an Küchenausrüstung und Vorräten befindet. Letztere sind natürlich in großen, verschließbaren Stahlbehältern untergebracht. Bären, Pumas und auch die kleineren Tiere sollen nicht lernen, dass es einem hier zu leicht gemacht wird.

Andy ist schon auf und werkelt in der Küche. Schnell steige ich die Treppe hinauf, begrüße ihn und frage, ob ich helfen kann. Nein, nein. Alles schon fast fertig. Der Kaffee schon seit einer Stunde. Kaffee! Was für ein Zauberwort! "Warte", sagt Andy. "Ich mache dir schnell einen richtigen Orca Camp Coffee." Er füllt dampfenden Kaffee aus einer Thermoskanne in eine Tasse - und einen guten Schuss Irish Cream. Würde ich normalerweise nie zu mir nehmen, so einen süßlich-cremigen Likör. Hier aber schmeckt es mir. Richtig gut. Es passt irgendwie perfekt in diesen Morgen. Wir sind angekommen im Orca Camp. Ich merke, wie ich langsam runterfahre. Zufrieden setze ich mich an einen der Tische, schnappe mir mein iPad und schreibe an meinem Reisebericht. Und langsam tauchen auch die anderen auf. Alle haben gut geschlafen. Der "Orca Camp Coffee" avanciert zum Renner bei den Erwachsenen. Niemand hat Hummeln im Hintern. Und so passen dann auch Andys "Gröstl" (er ist ja Tiroler) mit Eiern, Speck, Bratkartoffeln und den Resten von gestern hervorragend in diesen völlig terminfreien Vormittag. Man könnte fast meinen das hier wäre Urlaub.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, aber jetzt hat es die Sonne geschafft, sich durch den Nebel zu brennen. Viel blauer Himmel - es wird warm. So, jetzt aber raus aufs Wasser! Wir tragen die Kajaks über den Strand und Andy gibt uns eine kurze Einführung. Im Wesentlichen handelt es sich um Tipps, wie man am elegantesten in die Kajaks reinkommt und die Spritzdecken befestigt. Denn der Rest ist selbsterklärend. Bin beeindruckt, wie stabil die Boote im Wasser liegen. Viele Kanadareisen im - in meinen Augen stabilen - Kanadier-Kanu habe ich hinter mir, aber dieses Boot ist eindeutig noch weniger anfällig für Wasserbewegungen. "So muss das auch sein", erklärt Andy. "Seakayaks müssen schließlich ozeantauglich sein." Und los! In nordwestlicher Richtung paddeln wir am Ufer entlang. Alle sollen sich erst einmal an die Boote und an die Bedienung des Heckruders gewöhnen. Es klappt bei allen und wir kommen schnell voran. Adler, Seehunde, Seelöwen und Delfine - es gibt viel zu sehen. Einer der Seelöwen ist sogar richtig neugierig. Immer wieder taucht er direkt vor uns auf und schaut uns an. Tolle Tiere!

Lunchpause. Dafür haben wir ja schließlich die Sandwiches vorbereitet. Obwohl sich nach Andys Frühstück niemand vorstellen konnte, heute noch mal etwas essen zu können. Aber die frische Pazifikluft macht's! Es ist Ebbe und wir sitzen genüsslich in der Sonne auf einem großen Treibholzstamm an einem Wildnis-Strand. Das Wasser läuft langsam herein. Immer wieder müssen wir die Kajaks am Ufer ein Stück höher ziehen. "Reicht für heute", sagt Andy. Klar, wir sind spät losgekommen und Andy meint, dass wir für den Rückweg länger brauchen. Den Wind und die Gezeitenströmung haben wir nun gegen uns. Dann also heute noch etwas Sport! Mit meinem fast elfjährigen Sohn Felix habe ich inzwischen einen super Rhythmus gefunden. Pfeilschnell gleiten wir durchs Wasser, so dass ich bereits nach wenigen Minuten von hinten mehrfach den offiziellen Antrag meiner Tochter höre: "Papa, morgen fahre ich mit dir!" Etwa eine Stunde später sind wir zurück am langen Strand des Orca Camps - im Fünfminutentakt landet ein Kajak nach dem anderen an. Das Aussteigen ist für mich kein Problem mehr, denn meine seit gestern nicht mehr getrockneten Schuhe habe ich inzwischen zu "Kajakschuhen" ernannt. Die können nass bleiben. Ich steige einfach ins Wasser. Hoch mit den Booten in die dafür vorgesehenen Racks.

Und dann? Entspannen. Und genießen. Die Kinder erforschen den Strand und die Damen lockt das "Wobbly Bear SPA" - die einmalige Zederndusche mitten im Regenwald. Mit tatkräftiger Unterstützung von Franz hat Andy sich den permanent wasserführenden und uns als "Beer Creek" lieb und teuer gewordenen Bach zunutze gemacht und eine Wasserleitung zu einem mit Propangas betriebenen Durchlauferhitzer gelegt. Dieser versorgt zwei herrlich breitstrahlige Duschen - heißt dieser Duschtyp nicht sogar "Rainforest"? - die in zwei getrennten Kabinen in einem aus Zedernholz errichteten Duschhaus angebracht sind. Das heiße Wasser kommt sofort. Es riecht schon so herrlich nach Zeder, wenn man reinkommt. Und beim Duschen fängt das Zedernholz richtig an zu duften. Die Damen sind so begeistert, dass sie tatsächlich auch die Herren der Schöpfung zum Duschen animieren. Bemerkenswert, hat man doch gerade schon sehr bequem beim Bier am Feuer gesessen und den Ausblick genossen. Da ist Mann naturgegeben träge.

Abends verwandelt sich das "Looking-Fire" schnell wieder in ein "Cooking Fire" und wird einmal mehr professionell bestückt. Im Beach Café werden auf der mit Gas betriebenen Koch- und Bratstation die Beilagen zubereitet. Nach dem Essen sitzen wir satt und zufrieden an die massiven Treibholzstämme gelehnt und blicken auf den Pazifik. Ja, und dann ziehen auch noch die Orcas an uns vorbei. Ich weiß, kaum zu glauben.

Déjà-vu am nächsten Regenwaldmorgen. Kein schlechtes Wetter, aber neblig unten am Pazifik. Und feucht. Wieder nichts getrocknet an der Leine. Einziger Unterschied: Ich sehe keine Orcas, als ich hinunter zum Strand stapfe. Aber ich sehe Andy hinten am Feuer sitzen und mache mich auf dem Weg zu ihm. Gerade bin ich 50 Meter weit gekommen, da kommt er doch, der Druckluftpistolenschuss: "Chhhou!" Die Orcas tauchen wieder nah am Kelp. Ein Traum. Gewöhne ich mich etwa schon daran?

Heute sind wir schneller - genau wie die Sonne, die es heute früher durch den Hochnebel schafft. Rein in die Kajaks, raus aufs Wasser. Und es wird wieder ein Traumtag. Herrliches Wetter, viele Tiere und spannende Wildniserkundungen. Und natürlich die Lunchpause an einem einsamen Strand. Ich blinzle in die Sonne und merke, wie ich langsam wegdämmere. Doch dann Andys Ruf: "Los geht's, die Orcas kommen!" Auf dem Whalewatcher-Funkkanal 7 hat er mitgeschnitten, dass die Wale aus Südrichtung zu uns unterwegs sind. Wenn wir jetzt schnell rauspaddeln, müssten wir sie treffen.

Was dann passiert, werde ich wohl nicht mehr vergessen. Ich sehe die Orcas. Sie schwimmen direkt auf mich zu. Plötzlich tauchen die Schwerter knappe 10 Meter vor dem Kajak auf. Meine neunjährige Tochter Anna im Kajaksitz vor mir ist noch näher dran. "Paddel aus dem Wasser und ganz ruhig", rufe ich ihr zu. Sie sagt kein Wort, befolgt meine Weisung sofort. "Anna, die Orcas werden gleich unter uns hertauchen. Aber da passiert nichts - bleib ganz ruhig." Ich funktioniere, höre mich diese Worte sagen, aber glaube ich sie auch? Anna bleibt ruhig. Später werde ich stolz auf sie sein, aber jetzt habe ich dafür keine Zeit. Es raubt mir den Atem, als die wunderschönen schwarz-weißen Körper vor und unter unserem Kajak hertauchen. Ich verbocke in der Aufregung das Filmen. Verzückungsschreie um mich herum. "This is it, man", höre ich meinen Freund Bruce rufen. Die Wale sind an Anna und mir vorbei. Ganz fasziniert beobachten wir, wie nah sie an den anderen Kajaks vorbeitauchen. Keine fünf Minuten hat dieses unglaubliche Erlebnis gedauert. Und doch hat es sich eingeprägt. Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich erst, wie sehr mich das alles auch jetzt noch bewegt!
Noch ein wunderschöner Abend. Noch ein abendlicher Orca-Besuch. Wir können unser Glück nicht fassen. Und doch erwartet uns am nächsten Morgen noch ein Highlight: Die Überquerung der Strait. Wir schaffen es alle zusammen in einer guten halben Stunde. Ich bin begeistert von der gegenüberliegenden Seite. Kleine Inselchen, Kanäle, viele Kelp-Wälder. Man wird zum Entdecker und ist einmal mehr völlig allein hier draußen.

Fast könnte man die Orcas vergessen, so schön ist es. Aber wir haben ja Kanal 7 - und die Orcas melden sich! Auf geht’s - alles schon Routine. Doch die Orcas sind diesmal weiter weg. Sie ziehen ihre Bahnen wieder auf der Campseite der Strait. Schon erstaunlich. Ginge es nur um die Orcas, müsste man wohl einfach nur am Strand des Orca Camps sitzen bleiben, auf die Wale warten und dann schnell raus mit den Kajaks.

Egal, jetzt erst einmal schnell wieder über die Strait! Tja, und dann kommt uns doch tatsächlich inmitten dieser Wildnis ein Schleppboot dazwischen. Der Schlepper ist klein, aber das Seil, an dem er zieht, ist lang. Und am Ende des Seils hängt ein riesiges, mit Frachtgut beladenes Floß. "Keine Chance", ruft Andy uns zu. "Die können ja nicht stoppen." Also müssen wir stoppen - mitten in der Strait. In gebührendem Abstand verharren wir auf dem Wasser, bis das Gespann an uns vorübergezogen ist. Artig bedankt sich der Captain des Schleppers über Funk. Schnell queren wir auf Höhe der Robson Bight, blicken direkt in das Schutzgebiet. Und da sind sie, die Orcas. Weiter von uns entfernt als gestern, aber nicht minder beeindruckend. In Sachen Fotos bin ich nun allerdings verwöhnt, lasse die Kamera stecken und genieße nur.

Die anderen paddeln weiter zum Ufer, während Felix und ich in unserem Kajak noch relativ weit draußen auf der Strait vor uns hin drömmeln. Es ist einfach nur traumhaft bei diesem Wetter. Wir bestaunen die Größe eines riesiges Kreuzfahrtschiffs aus Alaska, das auf seinem Weg nach Süden in der Ferne vorbeizieht. Es kommen sogar ein paar Wellen bei uns an. Macht Spaß! Auf und ab und auf und ab. Ein bisschen Geschaukel in der Sonne.
Aber Moment mal! Das Schiff ist lange vorbei. Das können gar nicht mehr seine Wellen sein. Wind kommt auf und die Wellen werden größer. Schnell drehe ich das Kajak mit der Spitze in Richtung Zielufer und versuche, es gleichzeitig auch im rechten Winkel zu den Wellenkämmen zu halten. Jetzt sind die Wellen so hoch, dass wir nach jedem Kamm in richtige Wellentäler hineinfallen und für einen Augenblick nichts mehr von unserer Umwelt sehen. "Gefahr!" signalisieren mir meine Sinne. Alles in meinem Körper spannt sich an. Schnell versuche ich, meinen Sohn für die plötzliche Gefahr zu sensibilisieren, ohne es nach anfliegender Panik klingen zu lassen. Aber Felix macht das genauso konzentriert wie gestern seine kleine Schwester. Ich merke, dass ich es schaffe, das Kajak in Position zu halten. Meine Anspannung verfliegt. Nein, jetzt genießen wir sogar den Moment und reiten auf den Wellen! Klar, die Wellen laufen nicht gerade auf das Ufer zu. Wir müssen dem Schrägweg der Wellen folgen, aber das ist uns egal. Es macht plötzlich so einen Spaß! Auf jedem Wellenkamm schießen wir regelrecht nach vorn. Zwischendurch juchzen wir vor Freude. Wir erreichen die ruhigen Ufergewässer, wo Andy schon auf uns wartet. "You guys had fun? I saw you riding the waves!" Felix und ich grinsen nur.

Und dann sind wir auch schon wieder am Orca Camp und lassen die Erlebnisse Revue passieren. Natürlich bei einem tollen Essen. Natürlich am prasselnden Strandlagerfeuer. Und natürlich wieder mit dem Schuss aus der Druckluftpistole: "Cchhou!" Diesmal etwas leiser. Etwa 150 Meter weit draußen ziehen die Orcas am Camp vorbei. "Well, go for it!", sagt Andy. "Nö", sagt meine Frau, "genug für heute." Und mein Sohn stimmt ihr zu. Dann aber der Auftritt meiner Tochter Anna, die von ganz oben aus dem Beach Café angerannt kommt und brüllt: "Papa! ICH will mit dir rauspaddeln!" Ich kann meine Freude kaum verbergen. Das kleine Mädchen hat einen anstrengenden und aufregenden Tag hinter sich, war mitten beim Kartenspiel mit den anderen Kindern und es ist spät am Abend. Aber genau jetzt will sie da raus mit mir. Zu den Orcas! Spritzdecke anlegen? Ach, Zeitverschwendung! Dann werden wir halt nass. Markus hat übrigens das gleiche Glück mit seiner Tochter Helena - die Mädels halt! Und als eingespielte Teams sind wir inzwischen richtig schnell mit unseren Kajaks. Aber irgendwann müssen wir uns eingestehen, dass die Orcas einfach schneller sind als wir. Auf weniger als 50 Meter kommen wir nicht heran. Wir kehren um und paddeln gemütlich zurück. "Ach, war aber trotzdem schön", trällert meine Tochter von vorn. Und Papa strahlt.

Unser letzter Morgen im Orca Camp. Regenwald, Stille, Morgennebel unten am Pazifik. Das Feuer knistert, der letzte Orca Camp Coffee, ein bisschen schreiben. Wir haben noch ein paar Stunden Zeit, bevor uns das Water Taxi abholt und zurück nach Port McNeill bringt. Zeit, das Erlebte ein wenig einzuordnen. Ich bin so sicher wie nie zuvor, hier einen ganz besonderen Platz gefunden zu haben. Das Orca Camp ist ein magischer Ort. Vielleicht einzigartig auf dieser Erde. Das Erlebte gebietet Ehrfurcht, zwingt zur Demut und hat doch so großes Suchtpotenzial. Klar muss ich wiederkommen!

Das Wassertaxi legt an und wir laden unser Gepäck auf. Das war's - das Abenteuer Orca Camp. Gerade sind wir mit dem Boot losgefahren, da tauchen sie noch einmal auf. Unsere Orcas! Sie schwimmen direkt am Heck vorbei. Wie zum Abschied. Wie einzigartig.

Das letzte Wort soll mein Freund Andy haben. Kein offizielles Schlusswort zu dieser Reisegeschichte. Nur ein paar Email-Zeilen, die Andy mir schrieb, nachdem er meinen Orca-Camp-Bericht auf Facebook gelesen hatte:

Hi Rainer, ich freue mich sehr, dass du meine Begeisterung fürs Camp teilst. Ich war in diesem Spätsommer ja noch einmal mit den Kindern dort. Und dann noch einmal zum Abbau. Da hatte ich die ersten zwei Tage nichts als Wind und Regen. Dafür war es danach umso herrlicher. Anbei zwei Fotos. Das erste war der letzte Sonnenaufgang im Orca Camp für diese Saison. Da hatte ich meinen Orca Camp Kaffee in der Hand und die Welt war in perfekter Ordnung! Beim zweiten Foto mache ich einen auf Ansel Adams (wegen schwarz-weiß). Das war der Trip mit den Kindern. Es war mucksmäuschenstill, ein herrlicher Morgen nach starkem Regen. Und auf einmal das Plätschern von hunderten Delfinen, die fünf Minuten lang direkt an unseren Kajaks vorbeizogen. Die jagten einen Heringsschwarm und über ihnen kreisten die Seemöwen und Weisskopfseeadler. You are right, it’s MAGICAL! Your friend, Andy

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