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FRANZIS 6 MONATE KANADA: Das Praktikum ihres Lebens

Franzi in Kanada auf Tour: Tag 62
Ankunft auf der La Reata Ranch

Nach der absolut gelungenen Rundtour durch den Süden Albertas steht für mich in den nächsten zwei Wochen die Erkundung Saskatchewans auf dem Programm. Von Calgary aus mache ich mich mit dem Mietwagen auf den Weg zu meinem ersten Ziel, der La Reata Ranch. Planmäßig bin ich gute sechs Stunden unterwegs und komme gegen Nachmittag auf der Ranch von George Gaber an.

Ich bin nur etwa 60 Minuten aus der Stadt heraus und die Landschaft hat sich bereits gefühlt um 180 Grad gedreht. Rechts und links des Highway 564 erschließen sich riesige Kornfelder und Weideflächen. Aus dem Auto heraus entdecke ich ab und zu eine Herde Kühe, die entlang des Zauns verteilt genüsslich Grashalme frisst. Die Straße zieht sich geradlinig durch die Provinz und es scheint, als würde sie irgendwo am Horizont verschwinden. Diese unendliche Weite fasziniert mich. Aus Deutschland bin ich diese spezielle Landschaft nicht gewöhnt. Auf der einen Seite fühle ich mich etwas verloren irgendwo im nirgendwo. Auf der anderen Seite spielt der Aspekt Freiheit in meinen Gedanken gerade eine große Rolle. Definitiv eine ganz neue Erfahrung für mich! Nach drei Stunden im Auto muss ich zugeben, dass ich mehr als dankbar bin, einen Tempomaten im Wagen zu haben. Bei hauptsächlich geradeaus verlaufenden Straßen ohne großartige Notwendigkeit, mal abzubremsen oder Überholmanöver zu starten, ist so ein Tempomat sehr entspannt. Die Vorfreude auf den Besuch der La Reata Ranch sorgt in Kombination mit der zur Atmosphäre passenden Country Musik aus dem Satellitenradio für gute Stimmung. Vor etwa anderthalb Stunden habe ich die Grenze zwischen den Provinzen erreicht und bin nun noch etwa dreißig Minuten auf dem Saskatchewan Highway 44 in Richtung Osten unterwegs bis ich mich auf die Zielgerade zur Ranch begebe. Mein erster Eindruck der Provinz bestätigt mich in meinem bisherigen Denken über Kanada. Das Land ist so unglaublich vielseitig! Saskatchewan fügt dem Gesamtbild dabei eine weitere ganz spezielle Facette hinzu. Ich freue mich darauf diese Facette in den nächsten Tagen mit konkreten Erlebnissen und Eindrücken zu füllen.

Vom Tor mit der Aufschrift La Reata Ranch aus folge ich einer Schotterstraße, die sich durch das Ranchland schlängelt. Ich fahre um eine Kurve und mit einem Mal öffnet sich die Sicht auf den Lake Diefenbaker. Oh wie schön, und gleich dort drüben ist auch schon die Guest Ranch. Die beiden Mitarbeiterinnen Grace und Ivy heißen mich willkommen und  zeigen mir die gemütliche Cabin, in der ich für sieben Tage unterkommen werde. Beim gemeinsamen Abendessen mit den insgesamt 12 Gästen lerne ich auch George kennen. Er macht auf mich einen freundlichen und humorvollen Eindruck. Mit seinem Hut, den Boots und einem passenden Karohemd ist er augenscheinlich ein waschechter Cowboy.


Franzi in Kanada auf Tour: Tag 63
Zweiter Tag auf der La Reata Ranch

Nach gestriger Planung mit George gehört für die kommende Woche unter anderem die Unterstützung bei den Frühstücksvorbereitungen zu meinen Aufgaben. Während ich mich erst einmal mit den Küchenutensilien und ihren Aufenthaltsorten vertraut mache, zaubert Köchin Grace zusammen mit Ivy eine Leckerei nach der Nächsten. Die beiden servieren Spiegeleier, Bacon, Oatmeal, Früchte, Müsli, Joghurt, Marmelade und dazu Toast soviel man möchte. Es gibt neben Kaffee etliche Teesorten und eine Auswahl an Säften. Ich habe schon längst den Überblick verloren, da holt Ivy eine Auflaufform mit Bread Pudding aus dem Ofen. Was auch immer das genau ist, es riecht sündhaft verlockend und duftet nach Zimt. Lecker!

Nach der Stärkung begleiten die Gäste George zu den Pferden. Jetzt heißt es putzen, satteln und trensen, bevor es mit den Vierbeinern auf Entdeckungstour geht. George sucht seinen Gästen je nach ihren Eigenschaften und Könnensstufen ein passendes Pferd aus. Er kennt seine Schützlinge in und auswendig und liegt meist mit seiner Zuordnung goldrichtig. Wenn Pferd und Reiter doch mal nicht zusammen passen, hat George immer eine Alternative parat. Für mich geht es heute zwar noch nicht aufs Pferd, dafür schaue ich mir aber schon mal alles genau an. Obwohl ich schon das ein oder andere Mal im Westernsattel gesessen habe in den letzten Wochen erscheint mir die Ausrüstung und ihre genaue Verwendungsart und -weise doch immer noch ein wenig fremd. Als die Gruppe in die Weiten der Prärie aufbricht, nutze ich die Gelegenheit direkt mal für eine ausgiebige Paparazzi-Session. Mit dem wolkenlosen Himmel in kräftigem blau und dem strahlenden Sonnenlicht kommen bestimmt ein paar wunderschöne Bilder dabei herum.

Die Reiter verschwinden hinter den Hügeln und ich nehme das als Startpunkt für eine ausgiebige Tour über das Ranchgelände. George ist vor über zwanzig Jahren aus Deutschland nach Kanada ausgewandert. Zusätzlich zu seinem Rinderbetrieb hat er sich im Jahr 1996 auch noch eine Guest Ranch aufgebaut. Auf seinen rund 2.000 Hektar heißt George von Mai bis Oktober Besucher willkommen. Umgerechnet entspricht das einer Fläche von 20 Quadratkilometern, die der Cowboy gerne mit seinen Gästen teilt. Allein die Sicht von meiner Cabin aus ist schon fantastisch. Wie soll es dann bloß die Tage werden, wenn ich auch mit dem Pferd unterwegs bin. Bei dem Gedanken daran schießt die Vorfreude nur so durch meinen Körper. Voller Motivation frage ich die Gäste beim Abendessen nach ihren Erlebnissen. Eins kann ich sagen, die La Reata Ranch scheint ein absolutes Paradies für Reitbegeisterte zu sein. 


Franzi in Kanada auf Tour: Tag 64
Saskatoon

Nachdem der gestrige Tag schon so warm und sonnig war, sieht es heute ebenfalls sehr vielversprechend aus. Schon früh morgens mache ich mich gemeinsam mit drei Gästen der Ranch auf den Weg nach Saskatoon. George bietet den Transfer zum Flughafen an, wenn die Reisenden nicht ohnehin mit dem Mietwagen unterwegs sind. Ich erkläre mich freiwillig bereit, die Fahrt zu übernehmen. So kann ich gleich die Gelegenheit nutzen und ein bisschen mehr von der Provinz erkunden. Die etwa dreistündige Fahrt ist zwar an sich recht eintönig, aber ich bin in guter Gesellschaft. Richard war mit seiner Tochter Rebecca und seiner Enkelin Olivia für eine Woche auf der La Reata Ranch und die drei haben ihren Urlaub sehr genossen. Ich höre gespannt zu, als die drei von ihren Ausritten erzählen. Jetzt freue ich mich definitiv noch mehr auf die nächsten Tage im Sattel!

Am Flughafen verabschiede ich mich von den dreien, wünsche ihnen eine gute Heimreise und fahre dann weiter in Richtung Downtown. Wenn ich schon mal in Saskatoon bin, schaue ich mich doch auch noch ein wenig in der Stadt um. Das Auto parke ich keine fünf Gehminuten vom South Saskatchewan River entfernt. Wow, hier unten am Wasser ist es richtig schön! Die Promenade entlang des Flusses sieht noch recht neu aus und lädt sowohl zum Spazieren als auch Verweilen ein. Ich nehme mir etwa eine halbe Stunde Zeit, um einfach an diesem schönen Plätzchen zu sitzen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich beobachte viele Menschen, die ebenfalls das gute Wetter genießen. Ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch Inlinern, diese Ecke scheint in jedem Fall ein beliebter Ort zu sein. Ursprünglich wollte ich noch eine Runde durch das 'Midplaza' Einkaufszentrum stöbern. Um ehrlich zu sein möchte ich aber ungern die entspannte Stimmung hier am Fluss gegen ein hektisches Shoppingzentrum eintauschen. Also spaziere ich einfach noch ein wenig die Promenade entlang, bis ich schließlich zurück zum Auto gehe. Auf dem Weg treffe ich auf zwei Passanten, die mir bei meiner Frage nach einem Souvenirshop weiterhelfen. Sie empfehlen mir wärmstens einen Abstecher zum Berry Barn südwestlich von Saskatoon zu machen. Wie praktisch, der Forstmannshof liegt gar nicht so weit ab vom Weg zur Ranch. Also auf geht's!

Die beiden Kanadier haben definitiv nicht zu viel versprochen. Es ist traumhaft hier! Schon der erste Eindruck des roten Hip Roof Barns direkt an einer langgezogenen Biegung des South Saskatchewan River begeistert mich voll und ganz. Wie der Name schon vermuten lässt, dreht sich im Berry Barn alles um den Anbau, die Ernte und die Verarbeitung von Beeren. Dabei stehen die Saskatoon Berries besonders im Fokus! Ob für besondere Events, eine leckere Mahlzeit, süße Backwaren to go oder einen gemütlichen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen, die Atmosphäre des Berry Barn lädt dazu ein, einfach mal abzuschalten und den Moment zu genießen. Beim Blick auf die Uhr bemerke ich,  dass ich wohl ein wenig die Zeit vergessen habe. Upsi! Ich werfe noch schnell einen Blick in den hauseigenen Gift Shop und schnappe mir eine selbstgemachte Marmelade aus Saskatoon Berries. So jetzt wird es aber wirklich Zeit für den Heimweg!

Gerade fahre ich die Straße zur La Reata Ranch entlang, da sehe ich unten am Steg einige Gäste. Ich schaue ein wenig genauer hin und siehe da: George sitzt auf dem Jetski und lädt seine Gäste ein, in die hinter seinem Gefährt befestigte Tube einzusteigen. Und da geht die wilde Fahrt auch schon los! Schnell hüpfe ich in meine Badesachen, schnappe mir ein Handtuch und gehe zum Wasser. Das kann ich mir nicht entgehen lassen! Meine Kamera habe ich natürlich auch im Gepäck und halte direkt mal drauf, um die Action festzuhalten. Ich lasse den Gästen den Vortritt und reihe mich hinter ihnen ein. Anni lässt sich leicht dazu überreden, ein zweites Mal in die Tube zu gehen und begleitet mich auf die Fahrt. George gibt von vorn herein Vollgas und zieht uns von rechts nach links über den Lake Diefenbaker. Ich bekomme literweise Wasser ins Gesicht, kann dabei aber nicht aufhören zu lachen. Was für ein Spaß und eine fantastische Abkühlung noch dazu. Wir sind so schnell, dass ich das Gefühl habe, wir heben gleich ab.  Meine (Freuden-)Schreie hört man wahrscheinlich bis zum Steg, aber das ist eigentlich auch vollkommen egal. Es macht so unglaublich viel Spaß! Als die wilde Fahrt vorbei ist, komme ich gar nicht mehr aus dem Strahlen raus. Was für eine coole Aktion!


Franzi in Kanada auf Tour: Tag 65
Vierter Tag auf der La Reata Ranch

Nach einem ausgiebigen Frühstück darf ich heute Vormittag mit in den Sattel steigen. Juhuu! George hat die Vierbeiner schon in den Paddock gebracht und holt jetzt die sieben Pferde heraus, die wir gleich reiten werden. Vier Gäste, Mitarbeiterin Caro und mich nimmt George heute mit auf Erkundungstour. Während die Gäste ihre Pferde bereits kennen, warten Caro und ich noch darauf, dass George uns einen tierischen Partner zuweist. Keine zwei Minuten später bringt er uns zwei Pferde zum Tor und drückt uns die Stricke in die Hand. Caro wird den Schimmel Silver reiten und für mich geht es in den Sattel des Falben Levi. Wow, was für ein wunderschönes Pferd. Nachdem alle Vierbeiner geputzt, gesattelt und getrenst sind, kann es losgehen. Ich freue mich auf den Ritt!

Das Reiten durch Saskatchewans Ranchland hier am Lake Diefenbaker ist eine ganz neue Erfahrung für mich. Mit Gras überzogene Hügel erstrecken sich über einen Großteil der Umgebung und mitten hindurch zieht sich der etwa 200km lange Lake Diefenbaker. Platz ohne Ende! Mit einem starken Gefühl von Freiheit galoppiere ich über das Gras. Dabei verschwende ich keinen einzigen Gedanken daran wo denn der Weg sein könnte, denn es gibt keinen! George fordert uns dazu auf, unseren eigenen Trail zu suchen und die Gruppenformation zu verlassen. Jeder ist diesem Moment sein eigener Boss und obwohl George die grobe Richtung vorgibt, ist jeder ganz individuell unterwegs. Nur ich, das Pferd und die endlos weite Prärie. Ein Traum wird wahr!

Für George ist das Ausreiten gleichzeitig vor allem die Kontrolle seines Viehbestands. Die Tiere sind im Sommer auf einer riesigen Weidefläche unterwegs. Da kann es schon mal eine Weile dauern, bis man die Tiere aufgespürt hat! Wir haben Glück und finden einen Teil der Kühe unten am Wasser. Wir nähern uns an und beobachten sie. Die Pferde sind dabei völlig tiefen entspannt und warten auf weitere Anweisungen. George erklärt uns, dass er Ausschau nach einer bestimmten Kuh hält. Sie ist verletzt und soll in den kommenden Tagen zum Tierarzt. George hat Sichtkontakt aufgenommen und schon beginnt die Aufgabe! Auf seinem Quarter Horse Yuma teilt er die Herde geschickt auf und schafft es in wenigen Minuten, zwei Kühe samt Kälbchen von der Gruppe zu separieren. Beindruckend! Beim nächsten Schritt kommen auch wir gezielt zum Einsatz. Gemeinsam als Gruppe treiben wir die verletzte Kuh und die drei weiteren Tiere zur Main Ranch. Der Hammer, ich fühle mich wie ein richtiges Cowgirl!

Nachdem wir die Kühe erfolgreich zur Ranch getrieben haben, gönnen wir uns eine verdiente Lunchpause. Das leckere Sandwich habe ich schnell verdrückt und lege mich danach zu einem Nickerchen ins Gras. Mit dem Cowboyhut über das Gesicht gelegt, schließe ich meine Augen und döse für eine gute Viertelstunde vor mich hin. Gestärkt und ausgeruht sind wir bereit für die nächste Aufgabe. Neben den Angus Rindern besitzt George auch noch eine Gruppe Longhorns. George beginnt die Herde mit Hilfe seines Pferdes in Richtung Ranch zu treiben. Die agilen Paarhufer bringen ihn dabei ganz schön ins Schwitzen. Ich helfe mit, den Kühen den Weg zurück zu versperren während George die Tiere im Galopp umkreist und zur Ranch lotst. Es ist ein aufregendes und gutes Gefühl zugleich, dass man bei der Arbeit eines Ranchers mitwirken kann. Was für eine geniale Erfahrung!


Franzi in Kanada auf Tour: Tag 66
Fünfter Tag auf der La Reata Ranch

Der heutige Tag beginnt recht gemütlich. Nach einem ausgiebigen Frühstück helfe ich dabei, die Küche aufzuräumen und alles wieder klar Schiff zu machen. George ist schon draußen bei den Pferden und nagelt das ein oder andere Eisen wieder unter den Huf seines Besitzers. Aufgrund der extrem warmen Temperaturen haben wir uns vorerst gegen einen Ausritt entschieden. Eventuell schwingen wir uns aber heute Abend noch in den Sattel, wenn es etwas kühler wird.

Die Wärme hinterlässt bei allen, sowohl Helfern als auch Gästen, eine gewisse Mattheit. Wie gut, dass heute keine weltbewegenden Aktionen auf dem Programm stehen. Für einen Moment heißt es also einfach mal Entspannen! Ich hole mir einen kühlen Eistee aus dem Kühlschrank und setze mich an meinen Laptop. Die optimale Gelegenheit, um meine bisherigen Eindrücke und Erlebnisse zu notieren. Erst jetzt beim Schreiben merke ich wie viel ich in der kurzen Zeit auf der La Reata Ranch schon mitbekommen habe. Cool! Ganz besonders beeindruckt hat mich der gestrige Ausritt. Während ich so darüber nachdenke, durchlebe ich das wundervolle Gefühl auf dem Pferderücken noch ein weiteres Mal. So ein knackiger Galopp über die endlosen Weiten der Prärie lässt ein jedes Reiterherz höher schlagen!

Mit Grace, Ivy und Karo treffe ich mich wie vereinbart gegen viertel vor fünf in der Küche. Oh es duftet schon vorzüglich! Gemeinsam mit Karo decke ich den Tisch fürs Abendessen und stelle kühle Getränke bereit. Aktuell sind nur Astrid und Heinz aus NRW zu Gast. Nachdem das Abendessen verputzt ist, fragt George mal so in die Runde, wie es denn mit der Motivation für einen abendlichen Ritt aussieht. Eins ist sicher, da muss George kein zweites Mal fragen! Im Handumdrehen putzen wir die Pferde und sitzen ein wenig später auch schon im Sattel. Ich schwinge mich  wieder auf dem Falben Levi, mit dem ich mich gestern schon angefreundet habe. Es macht riesig Spaß ihn zu reiten! Die Idee einer abendlichen Tour stellt sich als goldrichtig heraus. Während es über den Tag so drückend warm war, kühlt es langsam ab und ist sehr angenehm. Es beginnt zu dämmern und der Mond zeichnet sich immer intensiver auf dem wolkenlosen Himmel ab. Es wird dunkler und dunkler und mir fällt es schwerer, die Umgebung zu erkennen. Die Pferde scheint das so gar nicht zu stören! Sie sehen gut und wissen genau wo sie hintreten. Obwohl ich nur noch Umrisse wahrnehme, fühle ich mich auf Levi sicher und wohl. Ich vertraue ihm und lasse diese einzigartige Situation auf mich wirken. So einen Nachtritt unterm Sternenhimmel macht man eben nicht alle Tage!


Franzi in Kanada auf Tour: Tag 67
Swift Current

Vor zwei Tagen hat George eine verletzte Kuh mit ihrem Kälbchen von der Herde separiert und dann gemeinsam mit der Hilfe von uns Gästen zu seiner Ranch getrieben. Heute bringt George sie zum Tierarzt in die nahegelegene Stadt Swift Current und ich werde ihn dabei begleiten. Bevor es losgehen kann, liegt die erste Aufgabe darin, die Kuh zu verladen. Hui, die Dame ist ganz schön wild! Während ich mich sicherheitshalber mal lieber hinter den Zaun stelle, gibt George alles, um die Kuh in den Anhänger zu lotsen. Dabei kommt in Fällen wie diesen auch schon mal das Quad zum Einsatz. Das nenn ich mal einen "modernen Cowboy"! Zu guter Letzt hat die Kuh der Rasse Black Angus dann doch noch nachgegeben und steht abfahrbereit auf dem Anhänger.

Etwa vierzig Minuten dauert die Fahrt zur Tierklinik. Während im Hintergrund Country Musik aus dem Radio läuft, frage ich George, wie er denn eigentlich auf die Idee gekommen ist, nach Kanada auszuwandern. Ursprünglich kommt George aus dem Ruhrgebiet und ist auf einer Farm groß geworden. Er erinnert sich nicht mehr ganz genau, aber geritten ist er vermutlich schon bevor er überhaupt laufen konnte. Ausschlaggebend für die Verwirklichung seines Traums einer eigenen Farm war ein Kanadaurlaub. Ich kann mittlerweile sehr gut nachvollziehen, dass das Land die Fähigkeit hat, Menschen zu fesseln. Besonders die Weiten der Prärie haben George fasziniert und dazu bewegt, seinen Traum in die Realität umzusetzen. Und zack, heute ist er stolzer Besitzer des Ranchlands direkt am Lake Diefenbaker, hat über 250 Kühe sowie gut 20 Pferde und betreibt nebenbei auch noch die Guest Ranch. Während er so erzählt, verrät mir das leichte Lächeln in seinem Gesicht, dass er nach den gut 20 Jahren glücklich, überzeugt und stolz ist von dem was er sich hier eigenhändig aufgebaut hat!

Wir sind gerade in Swift Current angekommen und fahren auf den Hof der Klinik. Mit Unterstützung der Tierärztin lädt George die Kuh ab. Im Untersuchungsstand verschaffen sich die Experten erst einmal einen Überblick. Es geht um das Auge der Kuh, das leider gar nicht gut aussieht. Georges Vermutung, dass es sich um eine Art von Krebs handelt, findet schnell Bestätigung. Trotz der schwerwiegenden Diagnose, stehen die Chancen für die Kuh recht gut. Im Gespräch mit den Tierärzten entscheidet George sich dazu, den notwendigen Eingriff durchführen zu lassen, bei dem das kranke Auge entfernt wird. Überraschenderweise dauert das Prozedere nur etwa eine gute Stunde und danach können wir die Kuh direkt wieder mit nach Hause nehmen. George und ich nutzen die Wartezeit für eine kleine Shoppingtour in Swift Current. Mit 17.000 Einwohnern ist die Stadt eine der Größeren hier im Südwesten Saskatchewans. Unser Ziel ist ein Laden namens "Cowtown". Voll mit Western-Equipment lassen sich hier jegliche Ausführungen von Cowboystiefeln über -hüte, Jeans und Hemden bis hin zu Lassos und Sätteln finden. Eben alles was das Cowboyherz begehrt! Auch für die Kleinen gibt es das passende Equipment. Früh übt sich wer mal ein waschechter Cowboy werden möchte! So, es wird Zeit, die Kuh wieder abzuholen. Die Tierärzte erklären, dass alles gut verlaufen ist und das Tier in wenigen Tagen wieder zurück zur Herde kann. Optimal!

Zuhause angekommen, verlässt die Kuh den Anhänger zwar wach aber noch etwas verwirrt und sieht erst mal zu, dass sie von uns wegkommt. Auch wenn sie in diesem Moment vielleicht etwas sauer auf uns ist, wird sie George innerlich bestimmt dankbar sein für die Heilungsmaßnahmen. Mit dem Quad geht es von der Main Ranch schnurstracks rüber zur Guest Ranch. Mit einem Mal ist der Gedanke an das leckere Abendessen allerdings wie weggeblasen. Was ist denn das dort vorne im Gras? George stoppt das Quad und wir steigen ab. Es ist ein Steinadler, im englischen als Golden Eagle bezeichnet. Wahnsinn, er ist ganz nah! Erst jetzt merke ich wie groß so ein Adler tatsächlich ist. Sehr untypisch ist allerdings, dass das Tier trotz unserer Anwesenheit noch immer im Gras hockt. Auch als wir vorsichtig einen Schritt auf ihn zugehen, bewegt er sich nicht von der Stelle. George erzählt mir von einem Anruf, den er am Morgen entgegen genommen hat. So wie es aussieht, deutet alles darauf hin, dass wir den gesuchten Adler gefunden haben. Doch warum ist er so komisch? Wir vermuten, dass er möglicherweise verletzt oder zu schwach ist, um wegzufliegen. George macht Bilder von dem Adler und übermittelt sie anschließend an die Greifvogelexperten, die auf der Suche nach ihm sind. Meine Daumen sind ganz doll gedrückt für dieses wunderschöne Kerlchen.


Franzi in Kanada auf Tour: Tag 68
Siebter Tag auf der La Reata Ranch

Und wieder geht es in den Sattel! Meinen letzten vollen Tag auf der La Reata Ranch genieße ich auf dem Rücken von Levi. Er ist mir in den letzten Tagen richtig ans Herz gewachsen und von Ritt zu Ritt werden wir ein besseres Team. Zusammen mit George, den beiden Gästen Heinz und Astrid sowie der Schwedin Elina geht es raus in das endlos wirkende Ranchland. Das Wetter ist definitiv auf unserer Seite und spendiert uns optimale Reitbedingungen. Die Sonne scheint und durch das angenehme Lüftchen fühlt es sich nicht ganz so warm an wie die letzten Tage. Es ist richtig schön! Wir navigieren die Pferde als erstes zur Main Ranch, um die verletzte Kuh samt Begleitung abzuholen und wieder zur Herde zu treiben. Den Umständen entsprechend sieht die Kuh gut aus und wirkt auf George fit und munter. Nachdem er die Tiere mit Hilfe von Elina aus dem Paddock herausgelotst hat, helfen auch Astrid, Heinz und ich wieder mit, die Kühe vor uns her zu treiben. Wenn ich ganz ehrlich bin, macht natürlich George den Hauptteil der Arbeit. Aber ich fühle mich irgendwie trotzdem beteiligt und naja ein bisschen helfe ich ja auch tatsächlich. Ziemlich coole Sache!

So, die erste Aufgabe ist erledigt. Aber das war noch lange nicht alles! Als Nächstes treiben wir eine kleine Gruppe an Kühen und Kälbchen von einem etwas abgelegenen Teil der Weidefläche zur großen Gruppe unten am Wasser. Und wenn wir jetzt schon mal in Mitten der großen Herde sind, reiten wir aufmerksam hindurch und halten Ausschau nach einer bestimmten Kuh. George hat von seinem Nachbarn die Info bekommen, dass eines seiner Tiere lahm sei. Ich muss eingestehen, dass es gar nicht so einfach ist, diese eine Kuh zu finden. Und das obwohl sie Ohrmarken mit Nummern haben. Meinen größten Respekt an George, er kennt alle seine Tiere und überblickt die Gruppe mit Leichtigkeit. Er entdeckt die Kuh mit der vermeintlichen Lahmheit und beobachtet sie für eine Weile. Tatsächlich sieht sie gar nicht so aus, als wäre sie nicht fit. Das ist zwar etwas mysteriös, aber grundsätzlich sehr positiv! Somit ist das "Pflichtprogramm" für heute erledigt und wir gönnen uns eine entspannte Lunchpause. Im Schatten einer Baumgruppe legen wir unsere Decken aus und machen uns über das liebevoll zubereitete Lunchpaket her. Mit neuer Energie schwingen wir uns auf die ausgeruhten Pferde und reiten noch ein Stückchen weiter in die entgegengesetzte Richtung der Farm. George führt uns an den Zaun, der sein Grundstück im Norden begrenzt. Mit der Begrenzung im Rücken schaue ich über die hügelige Landschaft herunter auf den Lake Diefenbaker. Sehr Beeindruckend! Auf dem Rückweg zur Ranch checkt Heinz die Fitness Tracker seiner Uhr. Wir haben bisher ganze 25km zurückgelegt. Ein großes Dankeschön an die Pferde, sie machen ihren Job klasse! Und dabei sind sie auch nach dieser langen Distanz mit Auf- und Abstiegen zwischendrin noch top fit.

Fantastisch, die Vierbeiner sind versorgt und im Cookshack erwartet uns schon das Abendessen. Nach dem langen Ritt fühle ich mich besonders hungrig und freue mich riesig über die deftige Mahlzeit. Papp satt und rundum zufrieden gehe ich zu meiner Cabin, um ein wenig Ordnung in das dort herrschende Chaos zu bringen. Morgen heißt es nämlich wieder einmal Koffer packen und auf ins nächste Abenteuer. Vorher genieße ich aber erst mal den letzten Abend auf der Ranch und treffe mich mit den anderen im Saloon. Wir stoßen auf ein paar wunderschöne gemeinsame Tage im Ranchland Saskatchewan an. Cheers!


Franzi in Kanada auf Tour: Tag 69
La Reata Ranch & Reesor Ranch

Verrückt! Schon wieder geht ein Kapitel meiner Praktikumsreise zu Ende. Ich liege morgens im Bett meiner Cabin und stelle erneut fest, wie schnell die Zeit voranschreitet, wenn man viele, viele ereignisreiche Momente erlebt. Zum Abschluss meines Aufenthalts auf der La Reata Ranch besuche ich ein letztes Mal die Pferde. Sie stehen oberhalb des Cookshack auf einem Hügel und wirken tiefenentspannt. Es sieht beinahe so aus, als würden sie die Aussicht genießen. Naja wer weiß, vielleicht machen sie ja genau das! George und ich ziehen noch ein gemeinsames Fazit der letzten Tage, bevor ich mich in meinem Mietwagen wieder auf die Schotterstraße begebe. Insgesamt habe ich eine schöne und sehr abwechslungsreiche Zeit hier am Lake Diefenbaker verbracht. Ich habe mich rundum wohl gefühlt auf der La Reata Ranch und viele neue Eindrücke dazugewonnen. Besonders das Gefühl, auf dem Pferderücken die endlose Weite der Prärie zu erkunden, hat sich mit Nachdruck in meinen Erinnerungsspeicher eingeprägt.

Über den Highway 1, der auch unter dem Namen Trans-Canada Highway bekannt ist, gelange ich zu meinem nächsten Ziel, der Historic Reesor Ranch. Hier in der Cypress Hills Region erwarten mich Theresa und Scott. Sie empfangen mich sehr herzlich und heißen mich auf ihrem wunderschönen Anwesen willkommen. Die Guest Ranch trägt nicht umsonst den Zusatz "Historic", denn sie weist eine lange Tradition und eine sehr interessante Familiengeschichte auf. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich darüber in den kommenden Tagen noch einiges erfahren werde. Ich freu mich drauf! Nach meiner Ankunft werde ich sofort mit eingespannt und helfe Wrangler Deborah bei der Durchführung eines der Reitangebote namens "Training for Trails". Optimal, so kann ich mich direkt nützlich machen! Von den über 20 Pferden, die zur Herde der Reesor Ranch gehören, suchen wir uns fünf heraus, die Deborah unter den Gästen aufteilt. Beim "Training for Trails" geht es darum, die ersten Schritte im Umgang mit dem Pferd zu erlernen und anschließend eine Reiteinheit zu absolvieren. Die Kids haben viel Spaß beim Putzen und Betüddeln der Pferde. Auch anschließend beim Reiten geben die Teilnehmer eine super Figur ab. Manche von ihnen sitzen zum ersten Mal auf dem Pferd und scheinen es sichtlich zu genießen. Ich bin beeindruckt von den Vierbeinern! Sie sind brav und scheinen genau zu wissen, dass sie mit einem blutigen Anfänger auf ihrem Rücken vorsichtig umgehen müssen. So wird die Reiteinheit für alle Beteiligten zum unvergesslichen Erlebnis. Es ist schön, das Lächeln in den Gesichtern der Teilnehmer zu beobachten!

Die Pferde sind versorgt und starten ihren Weg in Richtung riesig wirkende Weidefläche. An Platz für die Tiere mangelt es hier definitiv nicht. Auch Deborah zielt dem wohlverdienten Feierabend entgegen und ich schließe mich doch glatt mal an! Wir stauben noch ein leckeres Abendessen ab und unterhalten uns dabei über was wohl? Pferde natürlich! Gerade kennengelernt steigt auch Wrangler Deanna mit ins Thema ein. Ich merke mal wieder wie einfach es doch ist, Menschen näher kennenzulernen, wenn man die gleichen Interessen teilt. Optimal! Gemeinsam mit Deanna wohne ich die nächsten Tage in einer Cabin mit direkter Sicht auf die Weidefläche. Ich richte mich flott ein und falle dann zufrieden und geschafft ins Bettchen. Gute Nacht!


Hier geht es zum nächsten Reisebericht…
La Reata Ranch