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Hier ist kein Mensch. Obwohl es so schön ist. Obwohl ich hier direkt auf die Rocky Mountains blicke. Immer tiefer dringe ich in die Einsamkeit der Foothills ein. Die Straße ist nun eher eine Dirt Road. Es bleibt dabei: Man muss schon etwas abenteuerlustiger und risikofreudiger sein, um nicht verkehrt zu sein auf diesem Teil der Forestry Trunk Road in Alberta.
Text und Fotos: Rainer Schoof



Ankunft in Hinton, Alberta. Die Berge, auf die ich blicke, sind dieselben, die man auch von Jasper aus bewundert. Mich überrascht die Infrastruktur des kleinen Örtchens: Jede Menge gute Hotels, einige vielversprechende Restaurants - und nichts los. So, wie ich es liebe. Ja, warum eigentlich nicht auf einer Mietwagenrundreise hier absteigen und Ausflüge in die Nationalparks unternehmen? Eine Überlegung am Rande - für Insider. Denn das ist auf diesem Scouting-Trip nicht mein Ziel. Ich möchte die Forestry Trunk Road unter die Räder nehmen - endlich! Um viel Neuland zu entdecken, vor allem Camper-Neuland. Und zwar auf dem Teilstück der Route 40, das ich noch nicht kenne: Von Hinton bis zur Einmündung auf die Route 11, die den Icefields Parkway in den Rockies mit der Ortschaft Rocky Mountain House verbindet. Lange schon wollte ich mich hier auf die Suche nach neuen Camp-Alternativen für die etwas abenteuerlustigeren Wohnmobilkunden von SK Touristik machen. Gut, zugegeben, auch für mich selbst. Und jetzt ist es soweit!

Zunächst lockeres Anrollen auf der Route 40, die noch ein gutes Stück in Südrichtung asphaltiert ist. Aber schon jetzt bin ich völlig allein. Überhaupt kein Problem, irgendwo das Auto einfach mitten auf der Straße stehen zu lassen, um ein paar Aufnahmen zu machen. Es kommt ja einfach keiner! Und spätestens, wenn der erste Schotter unter den Reifen abrollt, fühlt man sich wie mitten in der Wildnis! Zu meiner Rechten immer die thronende Silhouette der Rocky Mountains. Ja, der Hauptkamm der Rockies liegt direkt neben mir. Einmal über die vor uns liegenden Gipfel rübergesprungen und ich würde schon fast hinunter auf den Icefields Parkway purzeln. Dorthin, wo man sich inzwischen im Sommer genau überlegen muss, wann man am Campground ankommt - und diesen am besten auch schon vorreserviert hat.

Tja, und hier ist kein Mensch. Und das, obwohl es so schön ist. Obwohl ich hier direkt auf die Rocky Mountains blicke. Und wenn dann eine Herde Wapitis die Straße quert, dann wird das für mich zum echten Erlebnis! Ganz anders, als wenn ich die Hirsche so häufig auf dem Whistlers-Campground in Jasper sehe.

Immer tiefer dringe ich in die Einsamkeit der Rocky Mountain Foothills ein. Die Straße ist nun eher eine Dirt Road als eine Gravel Road. Wahrscheinlich aber auch aufgrund des nicht ganz so guten Wetters in den Vortagen. Es bleibt dabei, man muss schon etwas abenteuerlustiger sein, um nicht verkehrt auf dieser Straße zu sein. Heute ist sie aber echt gut zu befahren. Ich erwische meine Tachonadel einmal fast auf der 100 - ok, das ist zu schnell, auch für den SUV mit Allrad. Das muss nicht sein.

Rechts und links fallen mir an Bächen, Flüssen und Seen unzählige Möglichkeiten zum Wildcampen auf. Häufig sind sogar schon Feuerstellen aus Steinen zusammengetragen. Und ja, selbst wenn man nur ein paar Meter von der Straße entfernt campen würde - macht doch nichts. Hier kommt doch eh keiner vorbei! Es ist wieder einer dieser Momente, in denen ich hier und jetzt und ohne zu zögern meinen SUV gegen ein Wohnmobil eintauschen würde.

Um einfach irgendwo hier stehenzubleiben, am Fluss ein bisschen zu angeln, das Feuer anzuzünden und einfach nur die Einsamkeit zu genießen. Tja, nicht heute. Aber bald, das verspreche ich mir!

Neben ungezählten Plätzen zum wilden Campen gibt es auf diesem Stück der Route 40 aber auch richtig schöne und "offizielle" Campingplätze. Hier, außerhalb von National- bzw. Provinzparks, nennt Alberta sie "Provincial Recreation Areas". Etwas wildere Campgrounds, wenn man so will. Aber man hat seinen eigenen, klar definierten und einplanierten Stellplatz, seinen Picknick-Tisch, eine Feuerstelle und es gibt Feuerholz, Toiletten und bärensichere Mülltonnen. Also, alles da, was man so braucht. Insgesamt sechs dieser Provincial Recreation Areas nehme ich unter die Lupe auf den etwa 175 Streckenkilometer zwischen Hinton und der kleinen Ortschaft Nordegg an der Route 11. Und am Ende bin ich mir sicher, dass man auf diesen "nur" 175 Kilometern problemlos eine ganze Woche verbringen kann. Oder mehr! Immer mal wieder ein paar Kilometer weiterfahren und wieder verweilen. Zum Angeln, Wandern oder Relaxen in der Einsamkeit. Ein wahrer Weg in die Wildnis, dieser Teil der Route 40!

Und allein die Provincial Recreation Areas bieten schon jede Menge Abwechslung. Die am Lovett River hat Stellplätze auf einer Art Can­yon-Anhöhe. Die am Brown Creek liegt mitten neben einem kleinen Bergbach. Die am Pembina River hat einen ernstzunehmenden Fluss in direkter Nachbarschaft und die am Fairfax Lake liegt sehr schön angelegt am Uferhang eines großen Sees. Besonders gefällt mir der kleine Campground am Brazeau River. Vor allem, weil der Fluss mächtig viel Silt transportiert und daher so herrlich türkis-blau schillert. Genau wie der Athabasca River am Icefields Parkway. Nur, dass man diesen Fluss ganz für sich allein hat! Unter der Straßenbrücke kann man durchfahren (Vorsicht Wohnmobilhöhe!) und gelangt zu weiteren wilden Stellplätzen am Fluss. Ein Traum! Aber ich muss ja weiter. Leider. Ich habe ja kein Camping-Equipment dabei.

Was mich wirklich überrascht, ist die vorhandene Infrastruktur auf diesem Teilstück der Forestry Trunk Road. Nicht nur, dass die mehrheitlichen Schotteranteile der Straße in einem durchweg guten Zustand sind. Nein, die Menge der Campgrounds hat mich überrascht. Sechs offizielle Provincial Recreation Areas direkt an der Route 40 - und jede einzelne komplett leer. Genau wie die Straße selbst. Und das jetzt, Ende August, also noch mitten in der Hauptreisezeit. Zählt man nun noch die Recreation Areas hinzu, zu denen man von der Route abzweigen und noch einmal einige Kilometer extra fahren muss (übrigens alles ausgeschildert), bekommt man eine Idee von den Möglichkeiten in diesem touristisch eigentlich ja noch völlig unbekannten Areal östlich des Rocky-Mountain-Hauptkamms. Ich selbst kann es kaum erwarten, mit einem Wohnmobil und viel Zeit wieder herzukommen.

Am Abend erreiche ich die Einmündung auf die Route 11 und mache mich auf die letzten schnellen 90 Asphaltkilometer nach Rocky Mountain House. Witzig eigentlich - das ist ja noch einmal die Hälfte meiner auf der Forestry Trunk Road zurückgelegten Strecke. Und trotzdem geht es so viel schneller. Asphalt und überhaupt kein Verkehr. Die untergehende Sonne in meinem Rücken taucht die einsame Landschaft in ein so herrlich warmes, wunderschönes Licht. Ist eigentlich auch eine Traumstraße, diese Route 11. Aber das ist eine neue Geschichte. Von einem anderen Weg in die Wildnis.
Alberta Scouting Trip: Forestry Trunk Road